Dokumentation der Geschehnisse hinter dem Gästeblock in Leipzig | 17.02.17

Bezugnehmend auf unsere erste Stellungnahme wollen wir hier noch einmal die Abläufe im Einzelnen dokumentieren und in Kontext zu den Aussagen der Polizei Sachsen setzen.

In den Stellungnahmen der Polizei Sachsen wird der Eindruck erweckt, dass es lediglich zu einer kurzen Eskalation auf der Dammkrone zwischen einer Gruppe HSV-Fans und dem Ordnungsdienst kam und diese zügig durch die Polizei beendet wurde.

Weder begann der Konflikt auf der Dammkrone noch erst nach der Feststellung der Identitäten, vielmehr kam es zu minutenlangen Auseinandersetzungen in verschiedenen Bereichen des Stadions. Diese wurden von der Polizei wahrgenommen und geduldet. (siehe Stellungnahme der Fanhilfe vom 14.02.17)

Im Folgenden wollen wir die verschiedenen Phasen der Auseinandersetzungen dokumentieren.

Bereits in der Halbzeitpause wurde seitens der Polizei und des Ordnungsdienstes die Feststellung der Identitäten geplant. Es ist unverständlich, warum die Polizei Sachsen das staatliche Gewaltmonopol an den Ordnungsdienst abgeben hat, obwohl festellungsbereite Beamte vor Ort waren. Die Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten (wie das Zünden von in Deutschland zugelassener Pyrotechnik) ist nicht Aufgabe Privater, sondern originäre staatliche Aufgabe. Nicht nur in rechtlicher sondern auch in tatsächlicher Hinsicht ist dieser Entscheidung fragwürdig, da dieser Ordnungsdienst schon öfters durch Gewalttätigkeiten aufgefallen ist. (https://www.youtube.com/watch?v=7g68n1hYkxQ     |    http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundesliga-ordner-von-rb-leipzig-standen-schon-mehrfach-in-der-kritik-a-1134969.html)

Auch als der Ordnungsdienst sich für die Auseinandersetzungen gerüstet hatte, hielt die Polizei an ihrer Entscheidung fest. Dies muss den Beamten bekannt gewesen sein, da sie sich hinter der Ordner- Reihe postierten.

In der Folge kam es zu der absehbaren Auseinandersetzung an der Treppe aus dem Oberrang des Gästeblocks zwischen dem Ordnungsdienst und der Gruppe von Fans, die den Gästeblock verließ, mit zahlreichen Verletzten.

Wie der Polizei Sachsen nur Auseinandersetzungen auf der Dammkrone bekannt sein können (vergleiche Stellungnahmen Polizei Sachsen), erschließt sich uns nicht, da Beamte direkt anwesend waren.

In der Folgezeit postierte sich der Ordnungsdienst unter dem Gästeblock neu, während sich die Fans durchmischten. Die Polizei positionierte sich wiederum direkt hinter den Ordnern und vervollständigte so die Drohkulisse.

Nach dieser Zäsur machten die Ordner klar, weiterhin Interesse an einer handfesten Auseinandersetzung zu haben (siehe wiederrum Stellungnahme v. 14.02.).

Diese Auseinandersetzung unter dem Gästeblock war der Polizei laut eigener Aussage auch nicht bekannt, obwohl behelmte Einheiten dem Ordnungsdienst folgten und ihm so nicht nur symbolisch den Rücken stärkten.

Unbekannt war der Polizei laut eigener Aussage ebenfalls, dass eine Person direkt vor ihre Füße geschleudert wurde. Immerhin kann der Polizei hier keine Passivität vorgeworfen werden, da sie direkt auf den HSV-Fan einwirkte, während ihm von zwei Ordnern rechtswidriger Weise eine Fahnenstange entwendet wurde.

Diese Stangen wurden dann von den Ordnern zur Verfolgung von HSV-Fans eingesetzt. Die Polizei Sachsen würde wohl behaupten, es handelte sich um Holzstangen (s. zweite Stellungnahme Polizei Sachsen). Dies ist natürlich nicht die Wahrheit, es handelte sich um hohles Kabelrohr.

An der Treppe kam es weiterhin zu Schlägen und Tritten gegen HSV-Fans.

Nun waren die HSV-Fans auf die Dammkrone getrieben, wo die Polizei erstmals Auseinandersetzungen bemerkt haben will, die sie dann laut eigener Aussage beendete. Dort verweilten schon einige HSV-Fans, die die vorherigen Geschehnisse festgehalten hatten. Diese wurden nun aber am Filmen gehindert und eingeschüchtert.

https://youtu.be/WYbE3LDVJow

Auf der Dammkrone erreichte die Auseinandersetzung einen weiteren traurigen Höhepunkt, als ein unbeteiligter HSV-Fan dort bewusstlos geschlagen wurde. Einem Mitarbeiter des HSV-Fanprojekt wurde seitens der Polizei empfohlen sich nicht in die Zone zu begeben, in der der Bewusstlose lag. Die Polizei selbst blieb untätig.

Als sich die Szenerie aufgelöst hatte kamen von der anderen Seite des Walls Polizeibeamte hochgelaufen und schubsten verbliebene HSV-Fans Richtung Stadionausgang. Dies ist wohl die „Beendigung der Auseinandersetzung seitens der Polizei“, derer sich die Polizei Sachsen in ihren Stellungnahmen rühmt.

Wir empfinden es als dreist, dass die Polizei Sachsen ihre erste Stellungnahme abgibt, bevor sie überhaupt die erste Auswertung der Kameraaufnahmen ihrerseits vorgenommen hat, und in dieser die HSV-Fans des Lügens bezichtigt, um eigene Ziele zu Lasten RB Leipzigs zu verfolgen (s. erste Stellungnahme Polizei Sachsen). Wir haben den Eindruck, dass die Polizei Sachsen gehofft hat, nachdem nach 48 Stunden wenig belastendes Material in den sozialen Medien aufgetaucht war, ihr Fehlverhalten unter den Teppich kehren zu können. Diese Strategie wurde mit der zweiten Stellungnahme fortgeführt. Wir sind gespannt wie die Polizei Sachsen rechtfertigt trotz Anwesenheit und Auswertung der Videoaufnahmen, von den Vorfällen außerhalb der Dammkrone nichts mitbekommen zu haben. Die Stellungnahmen der Polizei sind widersprüchlich, verzerrend, verkürzt und hinsichtlich der Tatsachenbehauptung des Verwendens von Holzstangen schlicht unwahr. Wir bitten die Polizei Sachsen ihre eigenen Worte zu bedenken:

Da heute quasi jeder via Internet und sozialer Netzwerke ungeprüft eigene Nachrichten verbreiten kann, werden höhere Anforderungen an den Leser und viralen Verbreiter solcher Nachrichten hinsichtlich der Wahrheitsprüfung gestellt.
Vor allem kann zwischen einer Falschmeldung oder einer Verfälschung einer Nachricht unterschieden werden, die unabsichtlich aufgrund der eigenen nur stückhaften Wahrnahme oder absichtlich mit dem Transport eigner Ziele entsteht.
Vor allem die überspitzte Darstellung mit dem Fazit lassen den Schluss zu, dass es sich dabei eher um die zweite Variante handelt
.“

Für Rückfragen oder Zusendungen sind wir über fanhilfe@nordtribuene-hamburg.de weiterhin erreichbar.

Fanhilfe Nordtribüne 17. Februar 2017