Der HSV im November 2020 – Eine Bestandsaufnahme

Moin Nordtribüne,

in den letzten Wochen und Monaten hat sich der HSV-Kosmos mal wieder in einem wahnsinnigen Tempo gedreht. Wir spielen mittlerweile zum dritten Mal innerhalb von fünf Jahren in der Europa League und gelten in der kommenden Saison als Geheimfavorit auf einen Champions-League Platz.

An Stammtischen und in Talkrunden wird der HSV sogar als Meisterkandidat hinter den großen Favoriten aus Dortmund und München gehandelt. Dass eine solche Entwicklung möglich ist, das hätte wohl niemand für realisierbar gehalten.

Erfreuliches gibt es auch aus finanzieller Sicht zu vermelden: der Schuldenberg vergangener Tage wurde erfolgreich abgetragen und jedes Jahr wird ein neuer Umsatzrekord erreicht. Abgesandte großer und internationaler Firmen stehen bereits seit Monaten Schlange vor der Geschäftsstelle und hoffen ein Sponsoring-Engagement zu ergattern. Die Strahlkraft des HSV scheint wieder hell im Wirtschaftskosmos und man darf gespannt sein, welcher Big Player als nächstes den gemeinsamen Erfolgsweg mit dem HSV einschlagen wird.

In der aktuellen Länderspielpause entsandte der HSV ein Drittel des aktuellen Kaders an die entsprechenden Nationalverbände. Besonders erfreulich ist die Tatsache, dass ein Teil dieser Nationalspieler im Nachwuchsleistungszentrum des HSV ausgebildet wurde. Diese exzellente Jugendarbeit brachte viele Talente hervor und man blickt gespannt auf den Campus, wo sich bereits die nächste Generation an Wunderkindern auf den Weg in den HSV-Kader macht. Vorbei sind die Zeiten, in denen man Altstars den Weg zur Rente durch exorbitante Verträge verschönerte oder sich bei ablösefreien Spielern aus der zweiten Bundesliga bedienen musste.

So oder so ähnlich würde wahrscheinlich die alternative Realität in den kühnen Wunschvorstellungen vieler HSV-Fans aussehen.

Diese alternative Realität dient als Einführung in eine Reihe von drei verschiedenen Texten, die euch in den nächsten Wochen erwarten und die das Ziel verfolgen, die aktuelle Situation rund um den HSV im Jahr 2020 zu reflektieren. Wir wollen als Förderkreis Nordtribüne e. V. die aktuelle „fußballfreie“ Zeit nutzen und versuchen, die derzeitigen Entwicklungen kritisch einzuordnen und unsere Positionen zu verdeutlichen.

Denn eines ist offenkundig: Die Gegenwart sieht anders aus. Der HSV spielt im dritten Jahr in Folge in der zweiten Liga, weit entfernt von den Top-Mannschaften der Bundesliga und dem internationalen Wettbewerb. Zudem plagen den HSV Verbindlichkeiten in Millionenhöhe und man wird dieses Jahr aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie das höchste Defizit der Vereinsgeschichte erreichen.

Vor wenigen Wochen wurde mit einem Hochglanz-PR-Akt ein Deal mit der Stadt Hamburg bekannt gegeben. Offizieller Anlass: Die anstehende Modernisierung des Stadiongeländes zur EM im Jahr 2024. Es bedarf nicht viel Fantasie um festzustellen, dass die Erträge dieses Deals sicherlich auch in andere Kanäle fließen werden. Um das jedoch richtig einschätzen zu können, fehlt die Transparenz. Diese Transparenz wird uns HSV-Fans leider vorenthalten. Zu groß der derzeitige Abstand zwischen uns und dem Verein. Auch der am 13.11.2020 veröffentlichte Jahresabschluss (zum 30. Juni 2020) hinterlässt mehr offene, als geklärte Fragen – eine offene und transparente Kommunikation in Anbetracht der ungewissen Zukunft muss hier zwingend erfolgen.

Ungewöhnlich unaufgeregt und professionell gestaltete sich die Suche nach einem neuen (Trikot-)Hauptsponsor, nachdem der jahrelange Partner Emirates den Vertrag nach dem erneuten Verpassen des Aufstieges aufgelöst hatte. Mit dem nordrhein-westfälischen Unternehmen Orthomol, spezialisiert auf die Herstellung von Nahrungsergänzungsmittel, wurde doch noch pünktlich zum Saisonstart ein Sponsor gefunden. Selbstverständlich wurde voller Stolz auf das Finanzvolumen des neuen Deals geblickt: Nach inoffiziellen Angaben zahlt das Familienunternehmen rund zwei Millionen Euro jährlich – eine Steigerung von rund 600.000 EUR im Vergleich zum vorherigen Emirates-Deal. Ein wichtiger Eckpfeiler zur Grundfinanzierung laufender Kosten wurde somit pünktlich zum Saisonstart gesetzt.

Nichtsdestotrotz ist es ein offenes Geheimnis, dass die finanzielle Situation Anlass zur Sorge gibt. Das beinahe gesamte Wegbrechen der Einnahmen aus dem Ticketing, Gehaltsstrukturen aus der „Vor-Corona-Zeit“ und die diffuse und nicht kalkulierbare Ertragsbildung zukünftiger Einnahmen sind nur Beispiele einer großen Gesamtsorge, dass der HSV ein Finanzproblem hat.

Das ist selbstverständlich nicht nur beim HSV so. In diversen anderen Städten haben die Vereine ähnliche, zum Teil sogar gravierendere Herausforderungen zu meistern. Der Fußball hat ein Gesamtproblem. Planungen, die das erfolgreiche Abschneiden in der kommenden Saison voraussetzen, sind an der Tagesordnung. Hohe Verschuldungen und Mäzene als Heilsbringer auch. Während es also momentan vielerorts nicht rosig aussieht, sollten wir dennoch zunächst vor unserer eigenen Haustür kehren. Die finanzielle Situation im November 2020 beim HSV ist katastrophal. Hier muss vom Verein eine ehrliche Kommunikation erfolgen. Es wird ein Drahtseilakt, innerhalb der bestehenden Strukturen für finanzielle Entlastung zu sorgen. Aussicht auf Erfolg? Ungewiss.

Sportlich startete das Team bekannt dilettantisch in die neue Spielzeit. Das Spiel vor ungewohnter Kulisse in der sächsischen Landeshauptstadt trieb bereits die ersten Sorgenfalten in zahlreiche Gesichter der Verantwortlichen und Fans, ehe mit einem soliden Auftaktsieg gegen den Bundesliga-Absteiger aus Düsseldorf die erste Mini-Krise abgewendet werden konnte. Es folgte ein für den HSV fast schon typisches Chaos-Spiel mit einem Happy End in Paderborn, ehe Corona das erste Ausrufezeichen setzte: Spielabsage gegen Erzgebirge Aue. Nach teils sehr überzeugenden Auftritten in den Folgespielen, war das Derby ein deutlicher Rückschlag, auch wenn Einsatz und Aufopferungsbereitschaft der Mannschaft im Gegensatz zu den Derbys davor gestimmt haben. Gegen Holstein Kiel zeigte sich der klassische Zweitliga-HSV: Führen bis kurz vor Schluss und dann das Spiel aus der Hand geben.

Ein interessanter Kader stellt sich der Herausforderung, das dritte Jahr in der zweithöchsten deutschen Spielklasse anzutreten. Die Erwartungshaltung könnte man irgendwo zwischen souveränem Aufstieg als Tabellenführer und hoffnungslosem Pessimismus einordnen. Mit Daniel Thioune wurde ein Trainer verpflichtet, der durch sein ruhiges Auftreten, sachlich-fachlicher Kompetenz und taktischer Variabilität den Kader durch die Saison 2020/21 führen soll. In den ersten Monaten konnten diese Fähigkeiten grundsätzlich bestätigt werden. Selbstverständlich ist es viel zu früh, hier ein Urteil oder Fazit zu ziehen. Die ersten Wochen versprachen aber bereits eines: Langweilig wird es sicherlich nicht werden.

Langeweile findet man aktuell dort, wo man sie an Spieltagen nie vermutet hätte: Auf den Tribünen in den Stadien. Dort, wo wir mit Freundinnen und Freunden, Bekannten und völlig Fremden Schulter an Schulter standen, ekstatische Siege feierten, bittere Niederlagen erlebten, Bierduschen ausbadeten, auswichen und verteilten – dort ist es aktuell still geworden. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann der Tag kommen wird, an dem wir unseren Verein wieder im Stadion zu Höchstleistungen anfeuern können. Die Covid-19-Pandemie wird uns noch länger begleiten. Wir haben Verständnis für diejenigen, die sich durch das egoistische Verhalten der Verbände noch ein Stück weiter vom Profifußball entfernt haben. Wir rufen alle HSV-Fans auf, sich solidarisch mit den Menschen zu verhalten, die durch die Pandemie in Krisen geraten sind.

Dennoch wollen wir die “freie Zeit“ nutzen, um einen Selbstreflektionsprozess zu starten und uns zu fragen, wo der HSV aktuell steht. Die sportliche Situation derzeit erfreut uns. Allerdings sollten wir uns davon nicht blenden und vor allem nicht ablenken lassen. Denn es ist bekanntlich nicht alles Gold, was glänzt. Es gibt immer noch viele Fragen rund um unseren HSV. Gibt es Wege aus der aktuellen Situation? Inwiefern ist nachhaltiges Wirtschaften möglich? Wie soll sich das Unternehmen HSV Fußball AG in Zukunft aufstellen? Auf welche Zugpferde wird dabei gesetzt? Wie gehen wir als Fans mit Investoren um und was fordern wir hier vom HSV? Inwiefern nimmt dieser seine gesellschaftliche Verantwortung war? Wir wollen nicht immer nur gegen den Verein argumentieren, aber da unsere Finger in die Wunde legen, wo es nötig ist.

Angelehnt an die Kampagne „Zukunft Profifußball“ werden wir hier die nächsten drei Dienstage unsere Texte über den HSV zu folgenden Themen veröffentlichen:

24.11.20: Nachhaltiges Wirtschaften

01.12.20: Einfluss von Investoren

08.12.20: Gesellschaftliche Verantwortung

Die aktuelle Diskussion, welchen Fußball wir wollen, muss auch beim HSV geführt werden – mit allen Fans, in allen Gremien, auf der Tribüne und im Verein. Lasst uns gemeinsam einen Blick über den Tellerrand werfen.

Für eine bunte, laute und kritische Kurve – Für den HSV.

Förderkreis Nordtribüne e.V. im November 2020