Der Polizeieinsatz in Hannover

Am Samstag, den 21. Januar, stand für den HSV das erste Spiel nach der Winterpause beim VfL Wolfsburg auf dem Programm. Vielen HSV-Fans wurde dieses erste Spiel im neuen Jahr allerdings verwehrt.

Die Fanhilfe der Nordtribüne möchte die Geschehnisse auf der Anreise aus ihrer Sicht darstellen und allen betroffenen HSV-Fans Tipps für das weitere Vorgehen geben.

Schon vor der Ankunft eines bereits verspäteten Zuges am Hauptbahnhof Hannover mit vielen HSV-Fans wurde der betreffende Bahnsteig durch die Bundespolizei von anderen Reisenden geräumt und die Abgänge versperrt. Die Einfahrt des Zuges verzögerte sich leider weiter wegen des sinnlosen Ziehens der Notbremse in diesem Zug. Außerdem soll in diesem Zug geraucht und Alkohol konsumiert wurden sein.

Obwohl die Zeit zum Erreichen des nächsten Zuges und einer rechtzeitigen Ankunft in Wolfsburg bereits sehr knapp wurde, blieben die Abgänge nach Ankunft des Zuges gesperrt. Die HSV-Fans konnten den Bahnsteig nicht verlassen und es kam dort zu einem Gedränge. Nachdem dies relativ schnell aufgelöst wurde konnten die HSV-Fans die Bahnhofshalle betreten.

Dort war der Aufgang zu einem weiteren Bahnsteig von Polizisten versperrt. An dieser Stelle kam es zu einer kurzen Auseinandersetzung zwischen der Polizei und einer geringen zweistelligen Zahl von HSV-Fans. Es wurden von Seiten der Polizei Schlagstöcke eingesetzt und die mit vielen unbeteiligten Fans und anderen Reisenden gefüllte Bahnhofshalle mit Pfefferspray eingenebelt.

Nach diesen Geschehnissen wurden in der Bahnhofshalle vereinzelt Personen in Gewahrsam genommen und Identitätsfeststellungen durchgeführt.

Die Verzögerungen führten zu einem längeren Aufenthalt in Hannover bis zur nächsten möglichen Weiterfahrt nach Wolfsburg. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich nicht nur die HSV-Fans aus dem verspäteten Zug aus Richtung Hamburg am Hauptbahnhof Hannover, sondern auch viele, die aus anderen Richtungen über Hannover nach Wolfsburg reisen wollten. Allein aus diesem Grund kann nicht von einer einheitlichen Gruppe die Rede sein.

Gegen 13:30 wurde wiederum der Bahnsteig von dem der nächste Zug nach Wolfsburg fahren sollte von Polizisten gesperrt, alle auf dem Bahnsteig wartenden HSV-Fans eingekesselt und der Zug auf ein anderes Gleis verlegt. Diesem Kessel wurden im weiteren Verlauf noch andere HSV-Fans, die sich am Hauptbahnhof aufhielten, zugeführt. Allein aufgrund der Tatsache, dass sie HSV-Fans waren. Die Bundespolizei Hannover wollte offenbar an diesem Tag wirklich jeden HSV-Fan kontrollieren und ihm die Weiterfahrt nach Wolfsburg verwehren. Die nun eingekesselten HSV-Fans waren kein zusammen reisender Haufen, sondern eine von der Polizei geschaffene Gruppe.

Den meisten festgehaltenen HSV-Fans wurde erst bei der folgenden Personenkontrolle und Durchsuchung offenbart, dass sie nicht mehr nach Wolfsburg fahren durften. Das Spiel war da schon lange im Gange und der HSV inzwischen auch auf dem Feld dezimiert.

Wir fragen uns, wie der präventive Gewahrsam schon feststehen konnte bevor überhaupt die individuelle Identitätsfeststellung und der Abgleich mit den Videoaufnahmen abgeschlossen war. Unklar bleibt auch nach was denn eigentlich gesucht wurde. Viele HSV-Fans mussten Durchsuchungen im Intimbereich über sich ergehen lassen. Wurde hier nach mehreren Stunden in Gewahrsam noch eine Wunderwaffe im Kampf gegen den Abstieg oder freidrehende Polizisten vermutet? Insgesamt sollen von der Polizei in Hannover 286 Personen in Gewahrsam genommen worden sein. Braucht man so viele HSV-Fans zum Ziehen einer Notbremse? Wohlgemerkt: Viele Fans schafften es noch, sich abzusetzen. Das „nur“ 286 Fans plus ca. 80 in Wolfsburg (s.u.) betroffen waren, ist also nicht einer irgendwie anhand von Tatsachen vollzogener Auswahl seitens der Polizei zu verdanken. Kriterien der Polizei waren: HSV-Fan, befindet sich – eine Stunde nach einer kurzen Eskalation und 90 Minuten nach dem Ziehen einer Notbremse – im Hauptbahnhof.

Um von den folgenden Maßnahmen betroffen zu sein, reichte es aus von der Polizei als HSV-Fan identifiziert zu werden. Weitere Verdachtsmomente waren aus Sicht der Polizei nicht erforderlich.

Zu allem Überfluss erstreckte sich die gesamte Maßnahme über einen Zeitraum von mehr als fünf Stunden. Mehr als fünf Stunden bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt auf Bahnsteigen und in Tunneln des Hauptbahnhofs Hannover ohne Sitzgelegenheiten, geschweige denn klarer Kommunikation.

Noch bevor die Maßnahme abgeschlossen war und die festgesetzten HSV-Fans gegen 19 Uhr nach Hamburg zurück verbracht wurden, waren die Geschehnisse Thema in den Onlineportalen einiger Zeitungen. Obwohl sogar mindestens ein Journalist und zahlreiche unbeteiligte Reisende mit Smartphones anwesend waren, sind bis heute keine auffallenden Sachbeschädigungen im Hauptbahnhof Hannover dokumentiert. Stattdessen müssen wieder belanglose Bilder vom Bremer Hauptbahnhof, aufgenommen bei vergangenen Derbys, herhalten. Wenn ihr auf diesen – in einen falschen Zusammenhang gestellten – Bildern zu sehen seid und dagegen vorgehen wollt, dann meldet euch gerne bei uns.

Auch am Hauptbahnhof Wolfsburg wurden gegen 15:10 noch alle ankommenden HSV-Fans von der Polizei Niedersachsen aufgehalten und eingekesselt. Hierunter waren viele, die von den Geschehnissen in Hannover nicht einmal etwas mitbekommen haben und nun umso verwunderter waren, warum sie nicht rechtzeitig zum Anpfiff in Richtung Stadion gelassen wurden. Der Kessel wurde sogar kurz geöffnet, einige HSV-Fans gingen Richtung Stadion, ehe der Kessel wieder geschlossen wurde. In Folge dessen kam es zu einem kurzen Gerangel.

Zeigt dies, dass die eingesetzten Polizisten nicht einmal untereinander ordentlich kommunizieren konnten oder sollten weitere Auseinandersetzungen provoziert werden?

Nachdem die szenekundigen Beamten festgestellt hatten, dass die hier betroffenen HSV-Fans nicht an Auseinandersetzungen in Hannover beteiligt waren, durften diese tatsächlich gegen 16 Uhr weiter Richtung Stadion gehen und konnten wenigstens die zweite Halbzeit verfolgen. Dieses ganze Prozedere fand wohlgemerkt statt als bereist knapp 300 Personen in Hannover in Gewahrsam waren.

Die Fanhilfe möchte nun betroffen HSV-Fans unterstützen und braucht auch eure Unterstützung. Wir wollen die Geschehnisse gerichtlich überprüfen lassen.

Hierfür ist es wichtig, dass Betroffene sich bei uns melden und so viele wie möglich ein Gedächtnisprotokoll anfertigen. Hierbei ist besonders interessant, wie lange ihr in Gewahrsam vor oder hinter der Kontrolle standet, ob ihr auf dem Bahnsteig festgesetzt wurdet oder eventuell von anderen Orten dorthin geschickt wurdet. Dokumentiert Verletzungen, haltet fest, wie „körperlich“ ihr durchsucht wurdet, was euch abgenommen wurde und was euch sonst in irgendeiner Weise wichtig erscheint, sowohl für die Zeit in Gewahrsam als auch davor. Bitte sendet uns diese Gedächtnisprotokolle NICHT zu!

Meldet euch bitte auch, wenn ihr schon rechtliche Schritte eingeleitet oder dies vorhabt.

Außerdem werden wir euch auf dem Laufenden halten, wie ihr gegen eine eventuelle Speicherung der erhobenen Daten vorgehen könnt.

Die Fanhilfe ist ein Zusammenschluss von HSV-Fans und Teil des Nordtribüne e.V. Wir sind ein Ansprechpartner für euch, wenn es zu Problemen mit Polizei und Justiz kommt, wollen euch über eure Rechte und Pflichten aufklären und stellen bei Bedarf auch Kontakt zu Anwälten her. Wir sind KEINE Rechtsberatung. D.h. auch, dass wir keinem besonderem juristischem Schutz unterliegen. Schickt uns daher bitte auf KEINEN Fall Foto- und Videoaufnahmen oder andere Darstellungen von Geschehnissen! Wenn ihr meint, Beweismaterial zu haben, kontaktiert uns bitte und wir finden Wege wie wir dieses nutzen können ohne uns oder andere HSVer zu gefährden.

Am besten erreicht ihr uns bei Heimspielen am Nordtribüne-Stand im Volksparkstadion oder ihr fragt euch zu uns durch. Per Mail sind wir auch zu erreichen: fanhilfe@nordtribuene-hamburg.de. Die Mail bitte nur für einen ersten Kontakt nutzen.