Archiv der Kategorie: Allgemein

Quo Vadis HSV?

 

Offene Fragen zu der derzeitigen Situation

Moin HSV-Fans,

in den letzten Tagen ist ein schon länger schwelender Streit im HSV e.V. augenscheinlich eskaliert. Zu unserem Bedauern wurde offensichtlich nicht aus der Vergangenheit gelernt, sondern in alte Muster verfallen und der Konflikt auch über die Medien ausgetragen.

Der Streit gipfelte in einem Abwahlantrag gegen Thomas Schulz, dem alle Gremien des HSV zustimmten. In einem Begründungsschreiben der Gremien werden schwere Vorwürfe gegen Thomas Schulz erhoben, ohne diese nachvollziehbar zu begründen.

Wir streben einen HSV an, in dem sich an Inhalten, Werten sowie Zielen orientiert, in der Sache hart und im Umgang fair debattiert wird – zum Wohle des Vereins. Öffentliche Diffamierungen, medial skizzierte Horrorszenarien, Rundmails mit sensiblen Daten und rückwärtsgewandte Verhaltensmuster haben in einer solchen Kultur keinen Platz. Trotz unterschiedlicher Meinungen und Bestrebungen müssen konstruktive Debatten möglich sein. Daher haben wir die uns bekannten Fakten und offene Fragen zusammengefasst, um eine sachliche Diskussion anzuregen.

 

Wir wissen, dass…:

 

  • …bei einigen Fragen, insb. bei der Besetzung der freien Aufsichtsratssitze, Uneinigkeit im Präsidium herrscht. Im Präsidium hat jeder eine Stimme. Das Mandat wurde dem Präsidium direkt von der Mitgliedschaft zugesprochen. In Streitfragen ist Marcell Jansen dem Vernehmen nach 1:2 seinen Vizepräsidenten unterlegen.

 

  • …Marcell Jansen den Kontakt zur Presse sucht. In dem großen Abendblatt-Artikel vom 12.01.2021 greift er Thomas Schulz direkt und hart an. Durch diesen Bericht ist der Streit öffentlich eskaliert und hat auf einem viel höheren Level als zuvor Wellen geschlagen.

 

  • …Thomas Schulz und Moritz Schaefer zu dem erwähnten Abendblatt-Artikel nicht beigetragen haben.

 

  • …Pressevertreter mehrere Stunden vor den Vereinsmitgliedern über den Abwahlantrag informiert waren.

 

  • …die Akteure im Lager der Unterzeichner und Unterstützer des Abwahlantrags auf vielfältige Weise miteinander verbunden sind. So treten bei mehreren Personen Ämterhäufungen auf. Eine zu große Nähe zwischen Kontrollierenden und Kontrollierten ist potenziell gefährlich, da dies das System der „Checks and Balances“, wie es in der Satzung und im Aktiengesetz vorgesehen ist, untergraben kann.

 

  • …der Beirat, anders als das Präsidium, nur zum Teil direkt von den Mitgliedern legitimiert ist. Er soll vornehmlich die Integrität des HSV nach innen und außen wahren.

 

Wir wissen nicht…:

 

  • …warum der Beirat von sechs Kandidatinnen und Kandidaten, die das Präsidium diskutierte, vier nicht und somit nur genau die Anzahl zur Wahl zuließ, die den nachzubesetzenden Posten entspricht.

 

  • …ob der Beirat irgendwelche objektiven Kriterien bei der Beurteilung der Kandidatinnen und Kandidaten angelegt hat.

Nach dem derzeitigen Kenntnisstand muss davon ausgegangen werden, dass die Entscheidung des Beirats vereinspolitisch motiviert war und dass es keine tatsächlichen Gründe in den Personen der übrigen Kandidatinnen und Kandidaten gab, die rechtfertigen würden, dass der Beirat auf eine solch massive Weise in die Rechte des Präsidiums eingegriffen hat.

 

  • …ob die Anschuldigungen in dem Brief des Ehrenrates an die Mitglieder bzgl. der Person Thomas Schulz zutreffend sind.

 

  • …ob Thomas Schulz und/oder Moritz Schaefer Informationen an die Presse weitergegeben haben.

 

  • …warum die Eskalation zum jetzigen Zeitpunkt herbeigeführt wurde, obwohl der Konflikt schon seit Langem schwelt. Dass dies in zeitlicher Nähe zur Hauptversammlung der HSV Fußball AG geschieht, bei der Posten entgegen des Willens von Marcell Jansen und des Beirates besetzt werden könnten, hat zumindest einen faden Beigeschmack und wirkt, als ob die Postenvergabe und nicht Schwierigkeiten in der täglichen Zusammenarbeit ein großer Faktor wäre.

 

  • …wie der HSV die außerordentliche Mitgliederversammlung satzungskonform durchführen möchte. Zudem wissen wir nicht, welche Kosten diese einzigartige Versammlung mit einem einzigen Antrag nach sich zieht. In Anbetracht dessen, dass in nur wenigen Wochen/Monaten eine ordentliche Mitgliederversammlung ansteht, stellen wir uns die Frage der Verhältnismäßigkeit.

 

 

  • …wie die tatsächliche finanzielle Lage ist. Aus einem Statement eines Mitglieds der derzeitigen SC-Führung ist herauszulesen, dass mindestens eine Insolvenz seit der Ausgliederung abgewendet werden musste. Uns ist diese Information neu. Wir halten an der Forderung aus unseren Texten vom Jahresende 2020 fest, dass der Mitgliedschaft eine realistische Einschätzung der vergangenen und derzeitigen finanziellen Lage zugänglich gemacht werden muss.

 

 

Wir wünschen uns für die Mitgliedschaft und innerhalb der Gremien eine Diskussion, wie wir den HSV in Zukunft professionell, werteorientiert und erfolgreich aufstellen können. Wir würden uns freuen, wenn die hier im November und Dezember veröffentlichten Texte im Rahmen des Selbstreflexionsprozesses als Denkanstoß genutzt werden. Die beschriebenen Kriterien Transparenz, Partizipation, Diversität, Unabhängigkeit, Nachhaltigkeit und nachhaltiges Wirtschaften sollten dabei eine elementare Rolle spielen.

Öffentlich ausgetragene Schlachten um Personalien und Posten mögen kurzfristig einzelnen Personen Vorteile bringen, doch keinesfalls dem HSV.

Sollten die Gremien des HSV hinsichtlich der offenen Fragen mit substanziellen Informationen Licht ins Dunkel bringen, werden wir diese selbstverständlich ergänzen.

 

Förderkreis Nordtribüne e.V. im Januar 2021

 

Statement zu der Personalie Bakery Jatta

Und täglich grüßt das Murmeltier: Nach vier Pflichtspielsiegen in Folge und zwei überragenden Partien von Bakery Jatta, meldet sich auch der Springer-Konzern mal wieder zu Wort. Wir erinnern uns: Nach dem hoffnungslosen Versuch, Bakery im Sommer 2019 eine Schein-Identität samt falschen Altersangaben anzudichten, wurde das damalige Verfahren des Bezirksamtes Hamburg-Mitte zügig eingestellt, mangels handfester Beweise. Ein erneuter Anlauf der unheilvollen Allianz aus BILD und Staatsanwaltschaft fand dann im Juli 2020 statt, als eine Razzia in Bakerys Wohnung, unter frühmorgendlicher Begleitung eines BILD-Papparazzo stattfand. Die Auswertung der hier beschlagnahmten Geräte ergab: Nichts.

Nun der neueste Streich: Mithilfe von Gesichtsabgleichen verschiedener Fotos und Videos von Bewegungsabläufen, soll das Institut für Biologische Anthropologie des Universitätsklinikums Freiburg nachweisen, dass Bakery Jatta unter falscher Identität nach Deutschland gekommen ist. Zufälligerweise erreichte auch diese Exklusivmeldung als erstes die BILD-Familie. Dort wird diese, in alter Tradition, von der Sport Bild als Hintergrundstory veröffentlicht und von der BILD-Zeitung entsprechend beworben.[1] Damit haben alle Beteiligten, was sie wollen: Die Sport Bild mehr Aufmerksamkeit gegen ihre seit Jahren sinkende Auflage[2] und die BILD-Reporter aus dem HSV-Umfeld ihre Ruhe. Schließlich haben nicht sie selbst die Hetzkampagne erneut entfacht, sondern nur auf die Arbeit der Kollegen verwiesen. Soweit, so unangenehm.

Fernab der Arbeit von BILD, die in ihrem ganzen Wesen auf Hetze und Alltagsrassismus fußt, stellt sich die Frage, warum und wie sich ein universitäres Forschungsinstitut daran beteiligen kann, solche haltlosen Behauptungen auch noch „wissenschaftlich“ zu stützen. Ein Institut, das einer Universität angehört, zu deren Leitbild unter anderem „Humanismus“ und die „gesellschaftliche Aufgabe im Spannungsfeld von Fortschritt, Freiheit und Verantwortung“ steht.[3] Zunächst einmal gilt das Institut für Biologische Anthropologie als bundesweit renommiert im Bereich der Gesichtsrekonstruktion und ist als solches auch medial sehr präsent. Ob die Feststellung der Identität von Gestorbenen[4] oder die Ermittlung von potenziellen Mördern: Die Forschenden sind gefragt, wenn es um Rückschlüsse von körperlichen Merkmalen auf Alter oder Identität geht. Dass das Institut diese Expertise nun allerdings dafür zur Verfügung stellt, bloße Behauptungen einer Boulevardzeitung zu stützen, die seit zwei Jahren jeglichen stichhaltigen Beweis für diese schuldig geblieben ist, lässt an der Seriosität des Instituts durchaus zweifeln. Auch wenn die Untersuchung im Auftrag des Landeskriminalamtes geschehen ist, lässt sich die Frage nicht vermeiden, wie humanistische Werte damit zu vereinbaren sein sollen, einen geflüchteten Menschen anhand einfachster Bewegungsabläufe der Lüge und des Betrugs zu bezichtigen. Der Artikel gibt, BILD-getreu, wenig Aufschluss darüber, welches Bildmaterial verwendet wird. Die zwei im Artikel dargestellten „identischen“ Jubelposen von Bakery Jatta und Bakery Daffeh als vermeintliche Beweise sind dabei an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Sollten ähnliche Aufnahmen die Grundlage für die Datenquellen des Instituts darstellen, ist es um die deutsche Forschung außerhalb von Corona-Impfstoffen nicht sonderlich gut bestellt. Eine vermeintliche Erfolgsquote von 98 % eines ersten LKA- Gutachtens vermeldet der Artikel dennoch stolz.

Dies führt zu einem weiteren, strukturellen Problem der Gesichtserkennung, insbesondere wenn sich diese auf digitale Bilder stützt: Rassismus. Moderne Programme erstellen zur Erkennung sog. Templates mithilfe eines Gitternetzes. Eine Software scannt das Material und sucht nach menschlichen Merkmalen wie Auge, Nase und Mund. In einem zweiten Schritt können dann die Gesichter bestimmten Personen zugeordnet werden. Dazu misst das Programm zum Beispiel Abstände zwischen einzelnen Gesichtsmerkmalen. Auch Sicherheitsbehörden greifen zunehmend auf eine solche Gesichtserkennungssoftware zurück, oft mithilfe von Profilfotos aus sozialen Netzwerken.

Neben Bedenken über tiefgreifende Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte steht die Technik vor allem für ihre Fehleranfälligkeit zur Diskussion. Die Gesichtserkennung der Londoner Polizei verursachte zu 80% Fehlerkennungen, der US-Konzern IBM zieht sich aufgrund dieser Anfälligkeiten ganz aus dem Geschäft zurück und in San Francisco sind entsprechende Anwendungen bereits verboten. Auffällig war und ist überall, dass vor allem Personen falsch zugeordnet werden, die nicht weiß sind.[5] Dies liegt insbesondere daran, dass wir täglich noch mit rassistischen Denkweisen konfrontiert werden und auch Programmierer und Programmiererinnen sich von diesen nicht vollständig freimachen können. So leben Racial Profiling und Vorurteile auch über die Alltagsmethoden der Polizei hinaus in Algorithmen und Softwares fort.

Vielleicht wäre es daher ratsam für Behörden und vor allem für Forschende, sich und die eigenen Methoden zu hinterfragen und auf rassistische Muster zu überprüfen. Als weißes Forschungsinstitut mithilfe nicht ausgereifter, rassistischer Techniken Nicht-Weiße Menschen zu analysieren, damit diesen eine andere Identität zugeordnet werden kann, liegt sicherlich nicht im Sinne der steuerzahlenden Allgemeinheit. Vielmehr liegt diese Arbeit im Interesse der BILD-Gruppe, die einmal mehr Skandale schaffen will, wo keine sind und dabei in Kauf nimmt, dass Menschen öffentlich angeprangert und psychisch verletzt werden. Und sie liegt im Interesse rassistisch geprägter Behördenarbeit, die sich, von BILD-Schlagzeilen angestachelt, an jeden noch so kleinen Strohhalm klammert, um besorgte Bürger wieder beruhigt schlafen lassen zu können.

Wir wollen, dass diese elendige Schmierenkampagne ein für alle Mal ein Ende hat!

 

Love Hamburg Hate Racism! Bakery – No matter what, we got your back!

 

Förderkreis Nordtribüne e.V. im Januar 2021

 

 

 

 

[1] https://www.spox.com/de/sport/fussball/zweiteliga/2101/Artikel/bakery-jatta-universitaet-freiburg-prueft-offenbar-bewegungsmuster.html

[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/303448/umfrage/verkaufte-auflage-der-sport-bild/

 

[3] https://uni-freiburg.de/universitaet/wp-content/uploads/sites/3/2020/09/Uni-Freiburg-Leitbild.pdf

[4] https://www.facebook.com/derspiegel/posts/10158490828969869

https://www.fr.de/panorama/verraeterische-eckzahn-11003388.html

 

[5] https://www.rnd.de/digital/rassismus-per-software-darum-ist-gesichtserkennung-in-der-praxis-problematisch-T7V2JXGEAZCNTDIGCLYO4IXX7E.html

 

Soli-Shirt-Aktion: Mehr als 76.000 € für in Not geratene Unternehmen

Mit dem Betrag, der durch den Verkauf des Soli-Shirts zusammengekommen ist, werden Hamburger Gastronomien und Unternehmen unterstützt, die unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie leiden. Mit der finanziellen Hilfe der HSV-Familie konnten Teile ihrer Einbußen aufgefangen werden.
Vor rund einem Monat hat der HSV gemeinsam mit der aktiven Fanszene mit dem Verkauf des Soli-Shirts für den guten Zweck begonnen. Der Hintergrund: Der gesamte Reinerlös aus dem T-Shirt-Verkauf sollte Kiosken, Fan-Kneipen, Gastronomien und vielen anderen selbstständigen Hamburgern mit HSV-Bezug zugutekommen, die im Zuge der Corona-Maßnahmen in wirtschaftliche Not geraten sind. Ein starkes Zeichen, das den Zusammenhalt innerhalb der HSV-Familie nochmals hervorhebt!
Umso schöner ist, dass die Aktion im Nachhinein als voller Erfolg bewertet werden kann. Mit einem Reinerlös von stolzen 76.298,40 € konnte einer Vielzahl an betroffenen Unternehmen eine finanzielle Hilfe angeboten werden. Dank der zahlreichen T-Shirt-Käufer konnten die betroffenen Unternehmen Teile der Einbußen durch die fehlenden Zuschauer bei Heimspielen und die pandemie-bedingten Maßnahmen auffangen. Einige geförderte Gastronomien nutzen die aktuelle Zeit außerdem dafür, ihre Lokalitäten für euch zu verschönern – ein Grund mehr, sich auf seine HSV-Lieblingskneipe zu freuen.
An dieser Stelle möchten sich der HSV und die aktive Fanszene bei allen Fans bedanken, die mit dem Kauf des Soli-Shirts ihren Teil zum Erfolg der Aktion beigetragen haben. Nur der HSV!

Gesellschaftliche Verantwortung beim HSV

Moin Nordtribüne,

mit dem Verlauf der Covid-19-Pandemie wurden gesamtgesellschaftliche Probleme zunehmend sichtbar. Nicht nur in Bereichen wie der Medizin oder der Bildung, sondern auch im Bereich des „Profisports Fußball“ zeigte sich, dass dort dringend Handlungsbedarf besteht. Während sich deutschlandweit große Teile der aktiven Fanszenen mit Ausbruch von Covid-19 solidarisch engagierten, indem z.B. Botengänge oder Einkaufshilfen angeboten wurden, handelten Vereine und Verbände weiterhin nur nach ihren finanziellen Eigeninteressen. Dabei sind es doch gerade die Profi-Fußballvereine, die durch ihre große Strahl- und Identifikationskraft eine besondere gesellschaftliche Verantwortung gegenüber ihren Mitgliedern und ihrer Region tragen.

Doch was meinen wir überhaupt mit dem Begriff der gesellschaftlichen Verantwortung? Gesellschaftliche Verantwortung heißt für uns, dass der HSV sich einerseits sozial, ökologisch und ökonomisch für unterschiedliche Projekte in und um Hamburg einsetzt. Andererseits muss es die Vision des Vereins sein, die Zugänge zum Fußball so zu gestalten, dass alle interessierten Menschen die Möglichkeit haben, ein Teil der HSV-Familie zu sein und sich im Kosmos des HSV wohl zu fühlen.  Denn Fußball ist für alle da! Dabei ist egal wie man aussieht, wo man herkommt, wen man liebt und woran man glaubt. So muss ein „Vielfaltsmanagement“ im Verein als essentieller Bestandteil gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme verstanden werden.

2016 hat der HSV ein eigenes Leitbild entwickelt[1]. Gesellschaftliche Verantwortung wird in diesem erwähnt, jedoch nicht weiter konkretisiert. Die Formulierung, dass sich der Verein „klar gegen jede Form von Diskriminierung, Gewalt und Extremismus“ ausspricht, reicht nicht aus. Es müssen Ausschlussmechanismen bei Formen von Rassismus, Antisemitismus, Sexismus o.ä. konkret benannt und daraus ganzheitliche Konzepte für einen vielfältigen Fußball abgeleitet werden. So wurde auf Initiative des Netzwerk Erinnerungsarbeit (Netz E) sowohl in der Stadionordnung als auch in der Satzung (angeregt von Peter Gottschalk) ein Antidiskriminierungs-Paragraph eingeführt. Als weiterer wichtiger Schritt kann die Eröffnung des Ankerplatzes durch die Fanbetreuung in der Saison 2019/2020 betrachtet werden. Fortan bietet dieser eine Anlaufstelle für Betroffene von Gewalt und Diskriminierung[2]. Ein guter Anfang, der aber noch weiter mit Inhalt gefüllt und in ein ganzheitliches Konzept eingebunden werden muss. Nicht nur innerhalb der Fanszene, sondern auch innerhalb des Vereins muss ein Umdenken stattfinden. So vergibt der HSV e.V. dieses Jahr zum ersten Mal den Ehrenamtspreis und lässt aktuell online über drei verschiedene weiße männliche Kandidaten für den Preis abstimmen[3]. Wohlgemerkt: das Problem ist natürlich nicht das herausragende Engagement der drei Nominierten, das jeden Dank und jede Aufmerksamkeit verdient, oder gar deren Geschlecht und Hautfarbe. Die Nominierungen erfolgen jedoch – soweit nachvollziehbar – nicht nach objektiven Kriterien und gerade eine solche Vorgehensweise ist dafür anfällig, Menschen zu übersehen. Es ist jedenfalls schwer zu glauben, dass unter den rund 500 Ehrenamtlichen z.B. keine ebenso engagierte Frau gewesen sein soll. Zudem wird weiterhin rosafarbiges Merchandise für Frauen im HSV-Fanshop vertrieben und auch die entscheidenden Positionen in der HSV Fußball AG sind fast ausschließlich von Männern besetzt. Aktuell belegen mit Marleen Groß (Leiterin Marke & Marketing) und Marieke Pyta (Referentin des Vorstandes und CSR-Beauftragte) nur zwei Frauen eine leitende Position in der HSV Fußball AG. Der HSV sollte Maßnahmen in Betracht ziehen, Führungspositionen diverser zu besetzen, wie beispielsweise von unserer ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Katja Kraus[4] oder vom Netzwerk F_in – Frauen im Fußball gefordert[5]. Nicht nur, um die Realität der Hamburger Gesellschaft abzubilden, sondern auch als eine Maßnahme für eine erfolgreichere Zukunft. So belegen Studien, dass diverse Teams erfolgreicher arbeiten[6]. Gerade beim HSV hat uns die Vergangenheit des Aufsichtsrats gelehrt, dass die immer gleichen Charaktere (mögen sie auch immer wieder andere Namen tragen), die vornehmlich durch ihre Seilschaften und Ränkespiele sowie die Produktion ihrer selbst und ihrer Egoismen auffallen, zu keiner kritischen Begleitung des Vorstandshandelns führen. An dieser Stelle Personen mit diversen Hintergründen und verschiedenen Blickwinkeln auf das zu beaufsichtigende Handeln einzusetzen, könnte einen Teil zu der gewünschten und satzungsgemäßen konstruktiven Begleitung des Vorstandhandels beitragen.

Auch das Nachwuchsleitungszentrum (NLZ) spielt eine Rolle bei der Frage, inwiefern Profivereine wie der HSV ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen. Wir begrüßen, dass der HSV mit vielen Vereinen kooperiert (SV Eichede, Buchholzer FC, MTV Treubund Lüneburg, JFV Buxtehude, Leezener SC/SV Todesfelde, SV NA Hamburg, Käpa Helsinki und Pogon Stettin) und neben fünf hauptamtlich pädagogischen Mitarbeitenden auch einen Integrationsbeauftragten im Team hat. Das NLZ führt bei den Spielern Workshops zu den Themen durch, die durch die Lizenzierungsauflagen vorgegeben sind: Anti-Doping, Prävention von Spiel- und Wettmanipulation, Anti-Rassismus und Kinderschutz. Die Workshops zum Kinderschutzkonzept bzw. der Prävention sexualisierter Gewalt werden auch von den Übungsleitenden absolviert. Bei dem Thema kooperiert der HSV mit der Fachberatungsstelle Zündfunke e.V.[7] Außerdem vermittelt der HSV den Spielern und zugehörigen Eltern, dass eine weitere Ausbildung neben dem Fußball wichtig ist, da die Chancen sehr klein sind, Profi zu werden. Auch soll ihnen vermittelt werden, dass es sich erst empfiehlt einen Berater zu beschäftigen, wenn die Möglichkeit des Eintritts in den Profibereich tatsächlich existent ist. Nichtsdestotrotz geht es auch im NLZ des HSV am Ende mehr um finanzielle Interessen als darum, gesellschaftlicher Verantwortung nachzukommen. So werden die männlichen Jugendlichen fallen gelassen, die es nicht schaffen und Frauen werden im NLZ erst gar nicht betreut, da ihre Ausbildung – Stand jetzt – als nicht gewinnbringend eingeschätzt wird.

Damit gesellschaftliche Verantwortung nicht nur Symbolpolitik bleibt, muss sie also auch ganzheitlich in allen Bereichen (vor-)gelebt werden. Ein weiteres Beispiel ist Homophobie: Das Flaggen von Regenbogenfahnen und eine dazugehörige Stellungnahme anlässlich der Pride Week 2020 begrüßen wir.[8] Damit diese Aktion auch wirkt, muss sie in ein ganzheitliches Konzept eingebunden werden, welches eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema voraussetzt – beispielsweise durch das Einbeziehen von Menschen, die von Homophobie betroffen sind, durch vereinsinterne Schulungen, Veranstaltungen zum Umgang mit LBGTIQ-Feindlichkeit und der Aufarbeitung von homophoben Geschehnissen in der Vergangenheit. Dass der HSV sich klar gegen jede Form von Diskriminierung und damit auch Homophobie stellt, ist Teil seines Leitbildes.

Nicht nur vom Verein selbst, sondern auch von möglichen Geldgebern erwarten wir, dass diese mit dem Leitbild des HSV vertraut sind und sich mit diesem auch identifizieren können. Wenn es um das Thema Investoren beim HSV geht, fällt als allererstes der Name von Klaus-Michael Kühne. Seit Beginn seines Anteilserwerbs an der HSV Fußball AG wird dieser von weiten Teilen der Hamburger Fanlandschaft kritisiert. Den wirtschaftlichen Part wollen wir jedoch in diesem Text ausklammern, da er bereits im vorherigen Text umfassend diskutiert wurde. Wir möchten einen Blick auf das Verhalten Kühnes und die seines Unternehmens in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus werfen. Sein Logistikunternehmen „Kühne + Nagel“ war in der Zeit des Nationalsozialismus verantwortlich für den Abtransport von Möbeln, die Jüdinnen und Juden aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg nach ihrer Deportation in die Konzentrationslager geraubt wurden. Außerdem drängten Alfred, der Vater von Klaus-Michael, und Werner Kühne den jüdischen Mitinhaber Adolf Maass 1933 aus dem Unternehmen. Die Nationalsozialisten deportierten Maass später und ermordeten ihn im KZ Auschwitz.[9] Für diese Aktionen ist Klaus-Michael Kühne nicht verantwortlich, sehr wohl aber für den heutigen Umgang seines Unternehmens mit dieser Thematik. Jahrzehntelang verschwieg „Kühne + Nagel“ seine Rolle im Nationalsozialismus. Infolge des öffentlichen Drucks gibt Kühne seit einigen Jahren die Mitarbeit im NS-Staat zu, relativiert die Rolle des Unternehmens jedoch bis heute und stellt sich einer umfassenden Aufarbeitung entgegen[10]. Kühnes Weigerung, sich mit der Aufarbeitung der Rolle seines Unternehmens im Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, passt nicht zu dem Leitbild und der Satzung, die der HSV vertritt und somit nicht zu den Werten, für die wir als Verein und als Fanszene einstehen.

Der HSV hat in der Vergangenheit allerdings gezeigt, dass er zumindest bemüht ist, der gesellschaftlichen Verantwortung eines Fußballvereins mit nationalsozialistischer Vergangenheit nachzukommen. Hervorzuheben ist hier die Sonderausstellung „Die Raute unterm Hakenkreuz – Der HSV im Nationalsozialismus“, die 2007 im HSV-Museum gezeigt wurde oder die Einweihung einer Gedenktafel für die HSV-Opfer des Nationalsozialismus Anfang des Jahres[11]. Will der HSV diesen Bemühungen weiter nachgehen, dann darf die Mitarbeit von „Kühne + Nagel“ an nationalsozialistischen Verbrechen (was übrigens schon vor der Ausgliederung öffentlich diskutiert wurde) nicht weiter verdrängt und schweigend hingenommen werden.

Gesellschaftliche Verantwortung darf beim HSV nicht nur heißen, in Form des Hamburger Wegs einzelne soziale Projekte finanziell zu unterstützen. Es müssen auch Lieferketten von Firmen und sonstiges Engagement von Sponsoren mit in sein Handeln einbezogen werden. Gesellschaftliche Verantwortung heißt, Aufarbeitung der eigenen Geschichte und damit auch ein Vereinsarchiv, das öffentlich zugänglich und digitalisiert ist und nicht mehr länger sein Dasein im Keller des Stadions fristet. Es braucht eine Stelle für Vielfalt in Form einer Person, die Anti-Diskriminierungsarbeit im Verein bündelt und in dem Thema sensibilisiert und ansprechbar ist. Die Inklusionsbeauftragte Fanny Boyn und das zunehmende Engagement in diese Richtung von der Abteilung Fankultur sind zu begrüßen, aber bisher nicht ausreichend.

Gesellschaftliche Verantwortung – gerade in Zeiten von Covid-19 – heißt für uns vor allem auch, Fans zuzuhören und ihre Interessen einzubinden. Ein Fußball ohne seine Fans ist nicht der Fußball, den wir lieben. Erst durch seine Fans erlangt der Fußball diese hohe gesellschaftliche, soziale, wirtschaftliche und auch politische Bedeutung, die er heute innehat. Fans sollten weder von den Vereinen noch von den Verbänden als Sicherheits- oder Marketingaspekt des Fußballs betrachtet werden, sondern als elementarer Bestandteil dessen. Das anzunehmen und zu leben ist auch ein Teil gesellschaftlicher Verantwortung, die ein Verein wie der HSV trägt. Natürlich ist nicht nur der Verein, sondern sind auch wir als Fanszene mit dafür verantwortlich, uns für einen vielfältigen und offenen Fußball einzusetzen und Menschen, die betroffen sind von Diskriminierung oder aus anderen Gründen Hilfe benötigen, zu unterstützen.

Für eine solidarische Nordtribüne! Für den HSV!

Förderkreis Nordtribüne e.V. im Dezember 2020

 

[1] www.heluecht.stupid-and-slow.de/Downloads/HSV-Leitbild.pdf

[2] www.hsv.de/news/ankerplatz-als-anlauf-und-schutzstelle-fuer-fans

[3] www.hsv-ev.de/ehrenamtspreis-2020

[4] Hamburger Abendblatt, 17./18.10.2020, S. 38.

[5] www.f-in.org/presse/quotenfrau-ja-bitte/

[6] www.mckinsey.com/de/news/presse/neue-studie-belegt-zusammenhang-zwischen-diversitat-und-geschaftserfolg

[7] www.hsv.de/nachwuchs/nlz/kinderschutzkonzept

[8] www.hsv.de/news/nein-zu-diskriminierung-hsv-zeigt-flagge

[9] www.stolpersteine-hamburg.de/index.php?MAIN_ID=7&BIO_ID=1492

[10] www.deutschlandfunk.de/ns-geschichte-von-kuehne-nagel-unaufgearbeitete.691.de.html?dram:article_id=483856

[11] xn--nordtribne-hamburg-t6b.de/2020/01/nichts-und-niemand-ist-vergessen/

Einfluss von Investoren beim HSV

Moin Nordtribüne,

immer wieder hat sich die aktive Fanszene des HSV in der Vergangenheit kritisch zu Investoren im Allgemeinen und zu Klaus-Michael Kühne als größtem Investor des HSV im Speziellen geäußert. Aufgrund der aktuellen Debatten um die Zukunft des Profifußballs, aber auch wegen der von HSV-Vorstand Frank Wettstein in die Diskussion gebrachten weiteren Anteilsverkäufe, wollen wir unsere Standpunkte erneut darlegen.

Seit 1998 dürfen die Lizenzspielerabteilungen der Vereine aus den Stammvereinen, bei denen es sich um eingetragene Vereine handelt, ausgegliedert werden. Inzwischen haben die meisten der Erst- und Zweitligavereine ihre Profiabteilungen in verschiedene Rechtsformen ausgegliedert. Die am weitesten verbreitete Rechtsform ist die GmbH & Co. KGaA.[1] In dieser Rechtsform können bis zu 100 % der Aktien verkauft werden, da die Vereine trotzdem bis zu 100 % der Stimmanteile halten können. Anders ist es bei Vereinen wie dem HSV, die in einer Aktiengesellschaft (AG) ausgegliedert sind. Bei dieser Rechtsform haben Aktionäre schon ab mehr als 25 % der Anteile erheblichen Einfluss in wichtigen Entscheidungen. Grund dafür ist die sogenannte Sperrminorität. Wer über eine Sperrminorität verfügt, z.B. indem der Investor 25,1 % der Anteile erhält, kann bestimmte Projekte verhindern, die eine Mehrheit von 75 % benötigen, um durchgeführt zu werden. Der größte Anteilseigner der HSV Fußball AG ist der HSV e.V. mit 76,2 %. Die Kühne Holding AG von Klaus-Michael Kühne besitzt 20,6 %. Die restlichen 3,2 % teilen sich die Familie Burmeister, Helmut Bohnhorst und die Erben des im Mai 2016 verstorbenen Alexander Margaritoff. Auf der Mitgliederversammlung 2019 wurde in der Satzung verankert, dass Anteilsverkäufe von über 25 % nicht ohne Einwilligung der Mitgliedschaft erfolgen dürfen. Sollte der Vorstand der HSV Fußball AG Anteilsverkäufe von über 25 % in Erwägung ziehen, ist eine ¾-Mehrheit auf einer einberufenen Mitgliederversammlung nötig.

Mitsprache der Fans

Der deutsche Fußball hat immer noch relativ demokratische Strukturen im Vergleich zu anderen großen Ligen in Europa. Wir halten demokratische Strukturen für wichtig, um die Vereine im Sinne der Fans und Mitglieder zu erhalten und um einer weiteren Entfremdung von der Basis entgegen zu wirken. Wohin es führt, wenn eine demokratische Kontrolle und Mitbestimmung durch die Mitglieder fehlt, kann in England beobachtet werden. So ist z.B. der Wimbledon FC nach der Übernahme durch einen Investor in eine andere Stadt verlegt worden und spielt seitdem unter dem Namen Milton Keynes Dons.[2]

Auch wenn in Deutschland die Möglichkeiten einer demokratischen Partizipation in Fußballvereinen immer noch gegeben sind, wurden sie durch die zahlreichen Ausgliederungen der letzten Jahre massiv eingeschränkt. Der Einfluss von Vereinsmitgliedern auf den Profibereich ist dadurch immer weniger möglich. Auch beim HSV, wo vor der Ausgliederung – z.B. bei der Wahl des Aufsichtsrates oder bei Satzungsänderungen – demokratische Mitbestimmung auch im Profibereich möglich war und durchaus gelebt wurde, ist die aktuelle Mitwirkung nur noch in mittelbarer Form zulässig. So stimmt die Mitgliederversammlung beispielsweise über Satzungsänderungen im e.V. ab oder wählt den Präsidenten des HSV e.V., der wiederum Aufsichtsratsmitglied in der HSV Fußball AG wird.

Das reduzierte Mitspracherecht hat eine deutlich geringere Partizipation an den Mitgliederversammlungen des Vereins zur Folge. Waren beim HSV e.V. vor der Ausgliederung seiner Profiabteilung regelmäßig vierstellige Mitgliederzahlen auf den jährlichen Mitgliederversammlungen des Vereins zu verzeichnen, besuchten diese in den letzten Jahren oftmals nur noch wenige hundert Mitglieder. Außerdem ist der Einfluss der Abteilung Fördernde Mitglieder / Supporters Club, als Vertretung der Fans innerhalb des HSV e.V., auf die (fanrelevanten) Prozesse der HSV Fußball AG nur noch minimal. Mit dem Ständigen Arbeitskreis Fandialog (SAF) gibt es zwar eine Plattform, auf der der Verein einen Austausch mit delegierten Fans ermöglicht, jedoch ist die Bedeutsamkeit und Einbringung auch hier sehr limitiert. Positiv im Verein hervorzuheben ist der Bereich Fankultur, inklusive der aktuellen Fanbetreuung. Sie hat bei vielen Themen verstanden, wie sie Fans mit einbeziehen kann und lässt unsere Meinungen regelmäßig in die HSV Fußball AG mit einfließen. Dennoch gibt es aktuell kein Gremium von Fans, mit dem sich die HSV Fußball AG bei fanrelevanten Themen vorher abstimmen muss. Hier sollten Möglichkeiten der Mitgestaltung (neben den geläufigen Dialogen) in Zukunft betrachtet werden.

Um Mitsprachemöglichkeiten in den Vereinen zu gewährleisten, erachten wir die Beibehaltung der 50+1-Regel für wichtig. Darüber hinaus schließen wir uns der Forderung von Zukunft Profifußball an, die ein Ende der Ausnahmeregelung für Vereine wie Hoffenheim, Leverkusen & Co. fordern. Zudem begrüßen wir den Vorschlag, für bestimmte Kapitalgesellschaften eine 75+1 Regel einzuführen, damit Beschlüsse des Stammvereins im Falle einer Aktiengesellschaft nicht durch Investoren verhindert werden können.

Rechtsform

Die Rechtsform der AG erscheint uns als nicht geeignet für den HSV. Ihr Rahmen wird gesetzlich vorgegeben, der AG-Vorstand agiert praktisch unabhängig vom e.V. und eine Mitbestimmung von Mitgliedern des Stammvereins ist nur sehr indirekt möglich.[3] Insofern haben wir die ersten Anzeichen einer Rechtsformänderung interessiert zur Kenntnis genommen und werden diesen Prozess weiter aufmerksam verfolgen. Für uns sollte bei einer möglichen Rechtsformänderung die demokratische Mitbestimmung durch die Mitglieder bzw. der Einfluss des HSV e.V. gestärkt und der Fokus nicht auf weitere Anteilsverkäufe gelegt werden. Aktuell nehmen wir allerdings Abstand von Spekulationen zur möglicherweise passendsten Rechtsform, da sich (wie schon im ersten Text beschrieben) die aktuelle Lage der HSV Fußball AG für uns als zu undurchsichtig und intransparent darstellt, um das beurteilen zu können. Sollten sich die Pläne einer Rechtsformänderung konkretisieren, würde wohl jeder HSV-Fan einen ehrlichen Austausch, offene Diskussionen und maximale Transparenz begrüßen. Wir sollten aus der Vergangenheit lernen und möglichst gemeinsam die Grundsteine für die Zukunft des HSV legen. Anteilsverkäufe haben in der Vergangenheit nicht den erhofften sportlichen Erfolg gebracht und sollten nicht weiter forciert werden. Es darf nicht heißen: „das Geld ist knapp, also müssen Anteilsverkäufe her“. Vielmehr sollte die aktuelle Finanzlage transparent gemacht werden und ein Finanzkonzept ohne weitere Anteilsverkäufe gefunden werden.

Eine reine Änderung der Rechtsform reicht aus unserer Sicht allerdings nicht aus, um den Einfluss von Investoren zu begrenzen. Manche Entwicklungen und Vorgänge bereiteten vielen HSV-Fans in der Vergangenheit Magenschmerzen, insbesondere die Zusammenarbeit mit unserem größten Anteilseigner. Obwohl Herr Kühne bisher nicht über 25 % der Anteile am HSV verfügt, hat er doch in einer Vielzahl von Angelegenheiten Einfluss auf das operative Geschäft des HSV genommen. So hat er bereits mögliche Kredite für den HSV an Bedingungen gekoppelt, beispielsweise bei teuren Vertragsverlängerungen oder Transfers, die sich im Nachgang alles andere als erfolgsbringend erwiesen. Herr Kühne hat dem HSV in der Außendarstellung durch sein erpresserisches Verhalten und offensichtliche Einflussnahme, teilweise mithilfe von (Spieler-)Beratern, in der Vergangenheit erheblich geschadet. Eine „strategische Partnerschaft“ stellen wir uns anders vor. Wir hoffen, dass derartig polarisierende Meldungen endgültig der Vergangenheit angehören und dass die Entscheidungen, wie vom aktuellen Sportvorstand angekündigt, vollumfänglich im Volkspark getroffen werden. Es darf aus unserer Sicht insbesondere mit Herrn Kühne keine weitere Zusammenarbeit geben, bei der Investments an Bedingungen geknüpft werden und der HSV somit unter Druck gesetzt werden könnte.

Wettbewerbsverzerrung

Neben dem Verlust der Mitbestimmung von Fans führen manche Investorenmodelle auch zu einer massiven Wettbewerbsverzerrung. So werden Verluste, die zum Beispiel der VfL Wolfsburg macht, vom VW-Konzern gedeckelt. Insbesondere in der jetzigen Krise geraten viele Vereine, die ohne finanzstarke Investoren im Hintergrund auskommen müssen, in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. Hier ist der Vorteil mancher Investoren/Konzern-Clubs deutlich spürbar, da deren Schulden von den Geldgebern quasi „verbucht“ werden.

Ein bestehender Lösungsansatz ist das Financial Fairplay[4]. Ein funktionierendes Financial Fairplay soll es Vereinen verbieten, sich über externe Geldgeber zu refinanzieren. Deshalb dürfen Vereine (in der Theorie) nur das ausgeben, was sie durch Sponsoren, Fernseheinnahmen und Fans einnehmen. Die Liga und der Fußball würden von Reformen, die einen faireren Wettbewerb möglich machen, profitieren. Dazu gehört auch die faire Verteilung von Fernsehgeldern. Seitens der Taskforce Profifußball ist es vorgesehen, dass sich das DFL-Präsidium und die DFL-Mitgliederversammlung mit den 36 Clubs der Bundesliga und 2. Bundesliga als zuständige Gremien mit den Erkenntnissen der Arbeitsgruppen befasst. Wir wünschen uns, dass der HSV-Vorstand sich sowohl intern als auch öffentlich positiv zu Reformbemühungen positioniert und sich innerhalb der Liga, insbesondere auch bei der Befassung mit der Arbeit der Taskforce Profifußball, für diese einsetzt.

 

Förderkreis Nordtribüne e.V. im Dezember 2020

[1] 36 Bundesliga-Vereine: GmbH & Co. KGaA (14), eingetragene Vereine (12), GmbH (5), AG (5), Quelle: www.de.wikipedia.org/wiki/50%2B1-Regel

[2] www.11freunde.de/artikel/der-klub-ist-tot-lang-lebe-der-klub/514431

[3] Mehr dazu hier: www.zukunft-profifussball.de/vereine-als-demokratische-basis-konzept

[4]  Mehr Infos zum Financial Fairplay hier: www.zukunft-profifussball.de/integritat-des-wettbewerbs-konzept

Nachhaltiges Wirtschaften beim HSV

Moin Nordtribüne,

seit einigen Jahren prägt der Begriff des nachhaltigen Wirtschaftens die öffentlichen Debatten im Profifußball und in unserer Gesellschaft. Wir wollen dabei in diesem Text auf unseren HSV schauen, wobei es durchaus wirtschaftliche Aspekte gibt, die – aktueller denn je – ebenfalls für das gesamte Fußballbusiness zu diskutieren sind. Eine faire Verteilung der Fernsehgelder oder die Stärkung des „Financial Fair Play“ sind nur zwei wichtige Punkte, die Vereine betreffen. Zu diesen Punkten verweisen wir gerne auf das Konzept „Integrität des Wettbewerbs“ der Initiative Zukunft Profifußball.

Ein faireres Fußball-Wirtschaftssystem bedeutet für uns einer zunehmenden Ungleichverteilung von Ressourcen entgegenzuwirken und geht mit nachhaltigem Wirtschaften einher. Gleichwohl haben wir bei der Auseinandersetzung mit der Thematik auch Nachhaltigkeitsaspekte aufgegriffen, die nicht direkt mit nachhaltigem Wirtschaften zu tun haben, die es aus unserer Sicht dennoch wert sind, im Kontext dieses Themenfeldes miteinbezogen zu werden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind uns vor allem folgende Aspekte wichtig: Regelmäßige Rücklagenbildung, eine solide und durchdachte Jugendarbeit, sowie Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen.

Nachhaltiges Wirtschaften ist die Abwägung sozialer, ökonomischer und ökologischer Aspekte in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander.

Doch wie sieht es mit nachhaltigem Wirtschaften im Fußball und speziell beim HSV aus? Das deutsche Fußballgeschäft lebte in den vergangenen Jahrzehnten – insbesondere mit einer erhöhten Popularität durch die Heim-WM 2006 – nach der Prämisse „höher, schneller, weiter“ und fügte sich so nahtlos in unser kapitalistisches Wirtschaftssystem ein. Als Fan haben wir teilweise den Eindruck, dass sich die Spirale der reinen Profitoptimierung und -maximierung im Hamsterrad Profi-Fußball sogar noch etwas schneller dreht als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Diese Art von Wirtschaften kennt kein Verlieren. Anders ausgedrückt: Sie erlaubt keine Fehler zum geplanten (Saison-)Ziel. Wie schnell vorher ursprünglich unabdingbar angesehene Ziele doch verfehlt werden können, sieht man an unseren zwei verpassten Aufstiegen in die erste Bundesliga. Um bei einem erneuten Nichtaufstieg weiter finanziell sicher aufgestellt zu sein, muss angefangen werden, nachhaltiger zu wirtschaften. Doch wie kann der gemeine HSV-Fan beurteilen, ob nachhaltig gewirtschaftet wird?

Die aktuelle Situation zeigt, dass ein einfaches „weiter so“ nicht funktioniert und die Gesellschaft aktuell vor Probleme gestellt wird, die auch vor dem Fußball keinen Halt machen. Nicht zuletzt die letzte große Wirtschaftskrise – die Finanzkrise 2008 – hat gezeigt, dass gefährdete Unternehmen – genau das sind moderne Fußball-Vereine heutzutage – höhere Rücklagen bilden sollten. Diese können für solche unvorhersehbaren Ereignisse genutzt werden und geben damit dem Verein und seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mehr Sicherheit. Im Übrigen lassen wir die getätigten Rechtfertigungen von zahlreichen Funktionären und Offiziellen, die Krise sei nicht vorherzusehen gewesen, nicht gelten: Auch die Wirtschaftskrise 2008 traf Unternehmen und Gesellschaft stark und unvorbereitet und vielen Banken drohte die Insolvenz. Die Krise deckte die wirtschaftlich unmoralischen Tätigkeiten in der Finanzbranche auf, einer zuvor stark boomenden Branche. Obwohl die Auslöser der Krisen nicht vergleichbar sind, so sind doch starke Parallelen zum Fußball-Business der letzten Jahre zu ziehen. Denn die Corona-Krise zeigt hierbei ebenfalls auf, wie sehr die Fußballbranche, die zu einem Milliardengeschäft geworden ist, trotz boomenden Geschäftes und Umsätzen auf Kante genäht und dadurch einsturzgefährdet ist. Dies zeigte sich bereits wenige Wochen nach Unterbrechung der Spielzeit. Vereine schlugen reihenweise Alarm, da finanzielle Engpässe drohten. Durch die Austragung von Geisterspielen und die dadurch letzte Zahlung der TV-Gelder wurde schlimmeres verhindert. Die Krise deckte schonungslos auf, dass das Fußballgeschäft von heute größtenteils nichts mit nachhaltigem Wirtschaften zu tun hat.

Für eine Rücklagenbildung im Verein ist ein wirtschaftliches Plus am Ende eines jeden Geschäftsjahres erforderlich, denn ganz einfach: Ohne einen Gewinn kann keine Reserve gebildet werden. Reserven sind aber notwendig, um in wirtschaftlich schwachen Zeiten auf diese zurückzugreifen. Ein großer Vorteil der sogenannten Selbstfinanzierung ist, dass der Verein seiner sozialen Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die keine Millionengehälter beziehen, gerecht wird, ohne diese in Kurzarbeit schicken oder im schlimmsten Fall kündigen zu müssen.

Konkret bedeutet dies, dass der HSV sich davon verabschieden muss auf zu großem Fuße zu leben und auf nicht kalkulierbare Einmalzahlungen angewiesen zu sein. Die Kaufleute in unserem Verein sollten anfangen, nur den Euro auszugeben, den sie auch haben. Das derzeitige Handeln der Funktionäre in unserem Verein führt dazu, dass uns wichtige Gelder in der Zukunft fehlen und wichtige finanzielle Baustellen nur in die Zukunft, bestenfalls außerhalb der eigenen Amtszeit, vertagt werden. Eine Lösung der sehr drängenden finanziellen Fragen bleibt der in der Presse hochgelobte Finanzvorstand bisher schuldig.

Statt auf eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung zu achten, wird beim HSV weiter fleißig Geld verbrannt. Im Jahr 2019 fühlten wir uns an die verpatzte Jubiläumsanleihe aus dem Jahr 2012 erinnert. So sollte doch das vorhandene finanzielle Loch – statt mit einer Tilgung aus zurückgelegten Mitteln – erneut durch einen Kredit, im Rahmen einer Fananleihe, gestopft werden.

An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Im Jahr 2012 wurde im Rahmen des 125-jährigen Jubiläums unseres Vereins eine Fananleihe zur angeblichen Finanzierung des HSV-Campus ausgegeben. Mit diesem Campus wollte der HSV weg von teuren Transfers und hin zur Entwicklung eigener Jugendspieler kommen. Die ausgegebenen Zinsen der Anleihe, in Höhe von 6 %, waren weit über dem normalen Marktzins und manch eine seriöse Quelle sprach gar von einer Ramschanleihe, mit der gutgläubigen und hilfsbereiten Fans das Geld aus der Tasche gezogen werden sollte. Das Geld wurde wie hinlänglich bekannt nicht für den HSV-Campus, sondern zum Stopfen großer finanzieller Löcher verwendet. Der HSV-Campus konnte schließlich nur durch eine sehr großzügige Spende von Herrn Alexander Otto gebaut werden. Selbstreflexion und Transparenz gegenüber den vielen tausend Geldgebern und Geldgeberinnen aus der HSV-Familie, aber auch Unternehmen, war hier mal wieder Fehlanzeige. Es wurde sich ins Kleingedruckte geflüchtet und erklärt, dass alles schon in Ordnung gewesen sei. Eine transparente Aufklärung der Vorfälle aus dem Jahr 2012, insbesondere eine Klarstellung gegenüber den beteiligten Fans und Unternehmen, vermissen wir bis heute.

Es drängt sich hier immer mehr der Eindruck auf, dass der HSV am ordentlichen Finanzmarkt seinen Kreditrahmen völlig ausgeschöpft hat und auf solch „kreative Deals“ zurückgreifen muss.

Auf kritische Nachfragen, wie bspw. auf der Mitgliederversammlung, wird sich von unserem Finanzvorstand in Phrasen und Parolen geflüchtet, ohne substanziell etwas zu erklären oder mit einem echten Interesse an Transparenz Fragen zur tatsächlichen Finanzlage zu beantworten. Die im ersten Text angemahnte, dringend benötigte Transparenz lässt der HSV insbesondere im finanziellen Bereich vermissen.

Der oder die andere mag jetzt anmerken, dass die zweckentfremdete erste Fananleihe von Personen veranstaltet wurde, die nicht mehr im Verein sind. Das ist durchaus korrekt. Schauen wir auf die vorgezogenen Vertragsverlängerungen mit Adidas und Sportfive, die dazu dienten durch sogenannte „Signing fees“ vorzeitig neues Geld zu bekommen. Oder auch den Verkauf des Stadiongrundstücks an die Stadt Hamburg. So dienen allerdings auch diese Gelder einzig und allein dazu, Löcher zu stopfen. Insbesondere der Deal mit der Stadt Hamburg ist für den HSV nicht der kommunizierte große Wurf. Der HSV verkauft sein Eigentum für eine vergleichsweise geringe Summe und mutmaßlich unter Marktwert, anders lässt sich der Jubelsturm in der Politik über den Kauf dieses „Filetgrundstücks“ nicht erklären. Aufgrund der stark angespannten Finanzsituation unseres Vereins und der Klüngelei in der Vergangenheit gehen wir nicht davon aus, dass das Geld wirklich vollumfänglich in die Sanierung des Volksparkstadions fließen wird.

Diese Tricks von unserem Finanzvorstand zeigen eindrücklich, dass der HSV eben noch weit entfernt von einem nachhaltigen ökonomischen Wirtschaften ist.

Frank Wettstein, als Finanzvorstand, regt nun in verschiedenen Interviews, Podcasts und Gesprächen an, über eine weitere Veräußerung von Anteilen nachzudenken. Dass diese einmaligen Einnahmen in der Vergangenheit bereits für Spielertransfers sprichwörtlich verpulvert wurden, lässt uns das Vorgehen noch kritischer hinterfragen.

Es ist absolut unvereinbar mit dem oftmals zitierten Leitbild des „hanseatischen Kaufmannes“, Werte zu verkaufen, um einmalige Einnahmen zu erzielen. Das hat nichts mit nachhaltigem Wirtschaften zu tun. Eine weitere Veräußerung von Anteilen kann ebenfalls nicht die Lösung sein.

Dennoch sind Einnahmen natürlich vor allem im Profifußball wichtig, um langfristig zu überleben. Bekanntermaßen wächst Geld aber nicht auf Bäumen und daher müssen Alternativen her. Unsere Meinung zu Geld von Investoren haben wir dargelegt (wir verweisen hier auch auf den noch folgenden Text, der sich ausführlicher mit dem Umgang um Investoren befasst). Doch was sind ernsthafte Alternativen in diesem Geschäft? Es sind Sponsoren. Idealerweise möglichst viele verschiedene Unternehmen, die ähnlich finanzstark sind, damit es zu keiner Abhängigkeit von einem Sponsor, oder wie im Fall Kühne gar einer Einzelperson, kommt. Gleichzeitig sollte darauf geachtet werden, dass der Verein und seine Fans sich mit den Sponsoren identifizieren können. Regionalität kann gegenüber dem Zwang auch noch den letzten Zusatzeuro mitzunehmen, eine höhere Identifikation erzeugen. Jungen Start-Ups sollte dabei ebenso die Chance gegeben werden, wie dem bekannten Familienunternehmen.

Im Bereich der Jugendarbeit ist beim HSV in der Vergangenheit bereits einiges passiert. Im Jahr 2015 wurde mit Hilfe von Alexander Otto die HSV-Campus gGmbH gegründet und 2017 dann der Campus eröffnet. Seitdem konnten einige Projekte, wie der Aufbau der Futsalsparte oder die Anschaffung von Lehrmaterialien für die jüngeren Rauten, umgesetzt werden. Die U19 erreichte in der Saison 2017/18 den zweiten Platz, die U17 den dritten, und mehr und mehr sind die Eigengewächse im Kader der Profimannschaft wiederzufinden. Eine begrüßenswerte Entwicklung. Eine wichtige Position konnte im vergangenen Sommer neu besetzt werden: Horst Hrubesch, HSV-Legende, der zuletzt auch äußerst erfolgreicher Jugendtrainer beim DFB war, konnte als Direktor Nachwuchs verpflichtet werden. Ein schlüssiges Konzept ist für eine erfolgreiche Jugendarbeit unabdingbar. Für die Zukunft wünschen wir uns hier ein höheres Maß an Konstanz, sowohl im personellen als auch im konzeptionellen Bereich. Dies stellt für uns einen Stützpfeiler erfolgreicher Jugendarbeit dar.

Weiterhin wird mit einer fast zweistelligen Zahl an Vereinen kooperiert, die zum einen aus der Region kommen und so an den HSV und die Stadt gebunden werden, was potenziell Identifikation schaffen kann. Regionale Jugendarbeit sorgt dafür, dass weniger Jugendliche für ihren Traum einer Profi-Karriere aus dem sozialen Umfeld gerissen werden. Aber es gibt auch Kooperationen, die über die Landesgrenze reichen. Wir begrüßen die Strategie, mit anderen Vereinen zusammen zu arbeiten und empfinden eine gute und funktionierende Jugendarbeit als den Grundstein von wirtschaftlich nachhaltigem Fußball, da weniger überteuerte Spieler an die Elbe gelotst werden müssen.

Der Verein kann noch vieles im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit tun. Natürlich ist auch einiges schon passiert. So ist zum Beispiel das bargeldlose Zahlen im Stadion möglich und unnötige Transportwege können dadurch eingespart werden. Dem gegenüber haben wir immer noch Einwegplastikbecher für unsere geliebten Kaltgetränke – es ist an der Zeit, diese durch Mehrwegbecher zu ersetzen. Softgetränke könnten, wie in der Gastronomie üblich, aus einem Sirup-Wassergemisch abgefüllt werden, statt aus der 0,5 l PET-Flasche in den Einwegplastikbecher zu wandern und damit doppelten Plastikmüll zu verursachen. Die Produkte an den Verkaufsständen sollten regional sein und ein vielfältiges Angebot abdecken. Es gibt zudem wenige vegetarische oder vegane Speisen, wenn den Fans mal wieder der Magen knurrt.

Abseits vom Spieltag bieten sich natürlich weitere Möglichkeiten an, sich ökologisch nachhaltiger aufzustellen. Eine Selbstverständlichkeit sollte sein, dass der Verein Ökostrom bezieht. Vor zehn Jahren wurde unter großem Getöse eine Exklusiv-Partnerschaft mit einem Stromanbieter angekündigt. Fraglich ist aus heutiger Sicht, ob die damalige Vorgabe von 100% CO2-neutraler und atomstromfreier Energie noch umgesetzt wird. Seit dem Wechsel zu einem anderen Ökostrom-Anbieter vor acht Jahren ist mittlerweile unklar, woher die heute benötigte Energie eigentlich stammt und von wem sie bezogen wird. Am Stadiongelände bieten sich an einigen Bereichen, vor allem auf der Sonnenseite, die Installation von Solarzellen an, um Strom über den Eigenbedarf hinaus zu produzieren. Der Volkspark als Hamburgs größte Grünfläche liegt direkt vor den Stadiontoren und wäre ideal für umweltbezogene Projekte. Bei den Dienstwagen sollte auf E-Mobilität gesetzt werden, dazu würden entsprechende Anreize für die Spieler das Ganze abrunden. Fahrten zu den Auswärtsspielen sollten bevorzugt mit der Bahn oder anderer umweltfreundlicher Mobilität unternommen und auf das Flugzeug verzichtet werden. Auch hier war der HSV schon vor 10 Jahren auf gutem Wege und darum bemüht, klimaneutrale Auswärtsreisen zu bestreiten. Seitdem scheint außer Stillstand oder gar Rückschritten nicht viel geschehen zu sein. Trikots und weiteres Merchandise sollten unter humanitären Bedingungen und klimaneutral hergestellt werden.

Genauso muss sich die Fanszene diesem Thema öffnen und dafür Sorge tragen, dass die HSV-Gemeinschaft an Spieltagen auf ihre Umwelt achtet. Möglichkeiten wären hier, Getränke aus Glasflaschen zu bevorzugen, bei Auswärtsspielen für die hinterlegten Kilometer ein Beitrag für ein CO2 neutrales Projekt zu spenden oder den Müll entsprechend in Mülleimer zu entsorgen und nicht auf der Grünfläche eines Rastplatzes. Bei der Auswahl des Anbieters von Merchandise Produkten sollte darauf geachtet werden, dass wir dieselben Kriterien erfüllen, wie wir sie vom Verein erwarten.

Diese Veränderungen können dazu beitragen, das Image des HSV, welches in den letzten Jahren nicht immer eine positive Entwicklung genommen hat, wieder in ein besseres Licht zu rücken. Ein positiveres Gesamtbild würde die HSV-Familie wieder enger zusammenwachsen lassen, genauso wie der HSV sich so wieder attraktiver für potenzielle Sponsoren macht. Wichtig wäre uns dabei insgesamt eine sachliche Kommunikation der dahin gehenden Aktivitäten des Vereins. Aktivitäten mit dem Ziel des nachhaltigen Wirtschaftens und mehr Nachhaltigkeit sind für uns wichtig, doch wollen wir uns nicht – wie speziell einige Vereine es sehr intensiv tun – damit profilieren und vermarkten. Die Aktivitäten sollten vielmehr ein großes weiteres Puzzlestück sein, um unseren Verein wieder nahbarer und identifikationsstiftender zu machen. Anschließend daran würden wir eine Nachhaltigkeitszertifizierung, der wir dann hoffentlich gewappnet sind, begrüßen.

Uns ist bewusst, dass nicht alle diese Punkte von heute auf morgen und auf einen Schlag umgesetzt werden können. Wir halten es trotzdem für den Erhalt unseres HSV für unfassbar wichtig, dass sich auch diesen Themen geöffnet wird und freuen uns über jeden Schritt in die richtige Richtung.

Förderkreis Nordtribüne e.V. im November 2020