Die Fanszenen Deutschlands nehmen Stellung

In der Krise beweist sich der Charakter

Nein, der Fußball befindet sich in keiner Krise – lediglich das Geschäftsmodell derjenigen kommt ins Wanken, die sich daran eine goldene Nase verdienen. Und nicht erst jetzt, aber aktuell mit voller Wucht, bekommt der Profifußball den Spiegel vor die Nase gesetzt, mit welcher Missgunst ein großer Teil der Bevölkerung auf den Profifußball blickt. Wir nehmen wahr, dass sich das Produkt Fußball eine Parallelwelt erschaffen hat, welche viele Fußballfans mit ausufernden Transfer- und Gehaltssummen, einer unersättlich wirkenden Gier nach Profit, Korruption bei Verbänden sowie dubiosen und intransparenten Beraterstrukturen (2017/18 ca. 200 Mio. €) in Verbindung setzen.

Wiederaufnahme des Spielbetriebs

Wir mögen aktuell nicht beurteilen und abschätzen können, wann ein vertretbarer Zeitpunkt gewesen wäre, den Ball wieder rollen zu lassen. Wir bewerten jedoch das Verhalten der Vertreter des Profifußballs als anstands- und respektlos, sich in der aktuellen Krisensituation derart aggressiv in den Vordergrund zu drängen. Der Gedanke, dass sich mit genügend Geld und ausreichender Lobbyarbeit Sonderwege bestreiten lassen, lässt sich leider nicht von der Hand weisen. Ein Vorpreschen bei der Inanspruchnahme routinemäßiger Screenings erachten wir als anmaßend, würden uns doch dutzende andere Institutionen einfallen, bei denen verdachtsunabhängige Testungen mehr Sinn ergeben würden. Übel stößt hierbei nicht die generelle Inanspruchnahme von Testkapazitäten auf, sondern weil sich der Profifußball eine soziale Relevanz anmaßt und eine Sonderbehandlung bewirkt, die in keinem Verhältnis zur aktuellen gesellschaftlichen Rangordnung steht. 

Wir hätten vielmehr eine Vorgehensweise erwartet, welche der sozialen Verantwortung und der Vorbildfunktion des Fußballs gerecht wird. 

Veränderungen

„Es steht außer Frage, dass künftig Nachhaltigkeit, Stabilität und Bodenständigkeit zu den entscheidenden Werten gehören müssen“. Zwar zeugt die von der DFL getätigte Aussage durchaus von Selbstkritik, zeigt jedoch gleichzeitig auch, nach welchem Maßstab bisher Entscheidungen getroffen wurden und in welchem Ausmaß man von wirtschaftlichen Interessen getrieben wurde. 

Es ist jetzt, und nicht erst nach überstandener Krise, an der Zeit, über konkrete Veränderungen im Profifußball zu debattieren und Entscheidungen zu treffen:

1.       Wettbewerbsfördernde, ligaübergreifende Verteilung der Fernsehgelder

Der aktuelle Verteilungsschlüssel sorgt dafür, dass die Schere zwischen finanziell starken und schwachen Vereinen immer weiter auseinandergeht. Eine gerechtere Verteilung fördert den sportlichen Wettbewerb und steigert die Attraktivität der Ligen.

2.       Rücklagen

Es muss festgelegt werden, dass die Clubs Rücklagen bilden, um zumindest kurzfristige Krisen jeder Art überstehen zu können, ohne direkt vor der Insolvenz zu stehen. Hierbei muss vor allem Rücksicht auf die e.V.-Strukturen genommen und dafür adäquate Lösungen gefunden werden, ohne diese – ebenso wie 50+1, in Frage zu stellen. Schließlich ist der Verkauf von Substanz zur Rettung der Liquidität genau die Denkweise, die zur jetzigen Krise geführt hat. Daher ist der Umstand, dass die 50+1 Regel zum Teil in Frage gestellt wird, aus unserer Sicht vollkommen unverständlich.

3.       Gehalts- und Transferobergrenzen 

Spielern und Funktionären seien weiterhin wirtschaftliche Privilegien vergönnt. Analog zu Transfersummen sollten jedoch auch diese gedeckelt werden, um aktuelle Auswüchse zu stoppen und dem irrationalen und unverhältnismäßigen Wettbieten entgegenzuwirken.

4.       Einfluss durch Berater beschränken

Rund um die Spieler hat sich ein Netzwerk an Profiteuren gebildet, welches für den Sport in keiner Weise produktiv ist. Dieses muss aufgedeckt, reglementiert und eingeschränkt werden.

Wenn man sich auf der Mitgliederversammlung des eigenen Vereins erklären lässt, wie gering der Bruchteil der teils horrenden Ablösesummen ist, der dem eigenen Verein tatsächlich zu Gute kommt, wird schnell sichtbar, dass an diesem System des modernen Menschenhandels einiges nicht stimmen kann.

Zu hoch sind die Beträge, die bei den Transfererlösen bei den Spielerberatern hängen bleiben, deren Handeln im Interesse ihrer Schützlinge oft durchaus angezweifelt werden darf. Hier ist leider zu vermuten, dass oft der Blick auf den eigenen Gewinn, das „Kasse machen“, im Vordergrund steht und Spieler die Clubs öfter wechseln, als das ihrer eigenen sportlichen Entwicklung zuträglich wäre.

Richtig problematisch wird es dann, wenn sich unter den großen Beratungsbüros kartellartige Strukturen bilden, die mit Absprachen unter der Hand die Transferzahlungen in die Höhe treiben. Der freie Markt aus Angebot und Nachfrage ist dann nachhaltig gestört und es entsteht eine Preisspirale, an der der Profifußball kein Interesse haben kann.

Ebenso muss den verschiedenen Investmentfirmen, welche sich an den Rechten der Spielertransfers beteiligen, ein Riegel vorgeschoben werden. Es darf nicht sein, dass sich Privatpersonen unter dem Deckmantel dieser Firmen die eigenen Taschen füllen und die Verbände die Augen verschließen!

Natürlich ist es in Ordnung und Teil des Wettbewerbes Fußball, wenn gute Spieler gute Gehälter erzielen und entsprechende Transfersummen kosten. Spieler sind (leider) auch eine Handelsware. Die Abartigkeiten, die hier aber in den letzten Jahren gewachsen sind, sind nicht Ausdruck eines gesunden Wettbewerbs.

5.       Kader begrenzen

Durch aufgeblähte Spielerkader lagern die Vereine „Kapital“ auf Ihren Auswechselbänken. Manch ein Verein verpflichtet Spieler nur, damit diese nicht für die Konkurrenz auflaufen können und lässt sie dann auf der Bank oder Tribüne versauen. Vereine, die es sich leisten können, blähen ihre Kader künstlich auf. Dem Motto folgend „was ich habe hat schon mal kein anderer“. Das ist natürlich eine Strategie, gegen die Konkurrenten zu arbeiten. Ob sie sportlich ist, steht auf einem anderen Blatt.

Eine Begrenzung der Anzahl an Spielerleihen ist bereits geplant. Dies gilt es, auf die Reduzierung der Profikader auszuweiten Ein beliebiges Aufstocken mit Nachwuchskräften sollte dennoch jederzeit möglich sein, denn würde es rein um die Absicherung gegen Ausfälle gehen, spricht absolut nichts dagegen, Nachwuchsspieler aus den eigenen Reihen hochzuziehen. In diesem Fall zeugt ein großer Kader mit eigenen jungen Spielern von einer nachhaltigen und guten Nachwuchsarbeit. Dies gilt es in Zukunft vermehrt zu fördern.

Ein „Zusammenkauf“ von Profispielern „auf Halde“ ist grundsätzlich abzulehnen. Das wird nicht zuletzt den Spielern nicht gerecht, deren Entwicklung dadurch nachhaltig gestört wird.

Wir werden genauestens verfolgen, ob auf die eigenen Worten der Verbandsvertreter und von Funktionären, den Fußball ändern zu wollen, auch Taten folgen. Schluss mit Ausreden und Heraufbeschwören von Unmachbarkeitsszenarien. Wir erwarten eine lösungs- und keine problemorientierte Herangehensweise mit transparenten Arbeitsschritten.

Fanszenen Deutschlands im Mai 2020

Information der Fanhilfe Nordtribüne

Moin HSV-Fans,
zur Zeit ist das gesellschaftliche Leben in vielen Bereichen auf Null gefahren und der
gewohnte Alltag liegt, trotz eintretender Lockerungen der Corona-
Beschränkungsmaßnahmen, vermutlich noch in weiter Ferne. Die Fanhilfe
Nordtribüne hat sich die Zeit zu Nutze gemacht, sich virtuell zusammengesetzt und
inhaltlich wieder einiges vorangetrieben. Wir haben unter anderem einen
ausführlicheren Beitrag zum Thema „Umgang mit Stadionverboten“ verfasst oder
auch Auskunftsanfragen, über die Speicherung von Euch erfasster Daten, auf unserer
Homepage bereitgestellt, die Ihr bei den zuständigen Behörden einreichen könnt.
Genauere Informationen dazu findet ihr dort ebenfalls.
Wenn Ihr immer auf dem aktuellen Stand sein möchtet, dann könnt Ihr uns auch gerne auf
Twitter folgen.
Bleibt gesund!

Virtuelle Fanhausöffnung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Moin HSV- Fans,

es ist jetzt gut zwei Monate her, dass uns die Corona-Krise den Fußball, wie wir ihn kennen, plötzlich unmöglich gemacht hat. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die DFL mit ihrem vorgelegten Konzept für die Bundesligen begonnen hat, die Saison zu Ende spielen zu lassen – ein gewöhnlicher Spieltag, mit allem was dazugehört, wird die nächsten Monate nicht möglich sein.

Dieses Wochenende wäre der 34. Spieltag – im Volkspark gegen Sandhausen. Wir alle träfen uns im Fanhaus und würden uns für die anstehende Aufstiegsfeier mit Brötchen und Getränken stärken. Wir möchten unsere gesparten Taler einem guten Zweck zukommen lassen, um einmal mehr zu zeigen, dass die HSVer*innen zusammenhalten.

Deshalb laden wir, der Nordtribüne e. V. und das Fanprojekt, Euch zur virtuellen Fanhausöffnung ein.

Ihr habt die Möglichkeit Getränke und Speisen, die ihr sonst bei der Öffnung gekauft hättet, per PayPal zu zahlen. Wer 10 € oder mehr verzehrt, wird von uns im Anschluss gesondert für ein kleines Dankeschön angeschrieben. Die so erzielten Einnahmen gehen vollständig an die Krankenstube für Obdachlose, die dort stationär behandelt und sozialpädagogisch betreut werden. Ein wichtiges Projekt in dieser Stadt für die Ärmsten in unserer Gesellschaft, welches jede Unterstützung verdient.

Wann? An diesem Wochenende vom 15. bis 17. Mai.
Wie? Per PayPal an: PayPal.Me/JuSpeV

Wir gemeinsam: Für unsere Stadt! Für unseren Verein!

Nur der HSV!

Stellungnahme der Castaways zu der Genehmigung von Geisterspielen

Geisterspiele – und jetzt?

Die Politik hat grünes Licht gegeben und damit stehen uns genau wie vielen anderen Fußballfans in ganz Europa endgültig Geisterspiele bevor. Warum wir Geisterspiele ablehnen und welche Änderungen wir für das kranke System Profifußball fordern, haben wir mit der auch von uns unterstützten Stellungnahme der Fanszenen Deutschlands bereits deutlich gemacht. Darum wollen wir auf diesen Aspekt hier nur kurz zu sprechen kommen und legen stattdessen die Lektüre der zuvor genannten Stellungnahme nahe. Seit Jahren werden im Fußball unter dem Motto „höher, schneller, weiter“ Geldsummen jenseits unserer Vorstellungskraft bewegt. Nach gerade mal zwei Monaten ohne Spielbetrieb stehen jetzt Medienberichten zufolge diverse Vereine bereits vor der Pleite und das gesamte System vor dem finanziellen Kollaps. Daher soll ohne Rücksicht auf Gesundheit der Beteiligten der Spielbetrieb fortgesetzt werden. Der Plan der Taskforce der DFL offenbart dabei die ganze Perversion dieser Machenschaften. Es ist schlichtweg nicht eingeplant, dass Spieler oder Trainer während des laufenden Spielbetriebs positiv auf das Coronavirus getestet werden könnten. Das Beispiel von drei infizierten Spielern des 1. FC Köln zeigt dies sogar noch deutlicher auf: Es wird einfach weiter in Grüppchen trainiert. Dass eine Grüppchenbildung im laufenden Spielbetrieb nicht mehr möglich ist und mindestens zwei komplette Mannschaften inklusive deren Familien unter Quarantäne gestellt werden müssten, scheint dabei als Kollateralschaden hingenommen zu werden – Ein Opfer, das die Beteiligten eben bringen müssten. Darüber hinaus wird die DFL nicht müde zu betonen, dass deutschlandweit ausreichend Testkapazitäten zur Verfügung stehen. Dass aber in gesellschaftlich weit bedeutenderen und zugleich unterbezahlten Bereichen wie Pflege oder Betreuung keine flächendeckenden Tests möglich zu sein scheinen, während ausgerechnet finanziell privilegierte Sportprofis wöchentlich getestet werden sollen, setzt dem Ganzen die Krone auf. Der allergrößte Teil unserer Gesellschaft handelt verantwortlich und schränkt sich selbst seit mehreren Wochen massiv ein, parallel dazu setzt der Profifußball in Form von DFB und DFL alles daran, den Geldfluss am Laufen zu halten und sich und sein offensichtlich krankes System am Leben zu halten.
Trotz alledem müssen natürlich auch wir uns jetzt damit auseinandersetzen wie wir in den kommenden Wochen und Monaten mit den Geisterspielen umgehen.
Zunächst möchten wir daher an die Vernunft und die soziale Verantwortung aller HSV-Fans appellieren. Bringt euch und eure Mitmenschen nicht in Gefahr, indem ihr die Spiele in größeren Gruppen in den Wohnzimmern unserer Stadt verfolgt oder euch gar rund um das Stadion versammelt. Es ist schlimm genug, dass die DFL die Gesundheit von Spielern, Trainern, Betreuern, Physiotherapeuten und deren Familien gefährdet, damit sie ihrer Profitgier wieder freien Lauf lassen können. Spielt dieses Spiel bitte nicht auch noch mit!
Mit der Entscheidung für Geisterspiele hat sich die DFL und das gesamte System Profifußball endgültig zu dem bekannt, was vielen Fans seit Jahren bewusst ist: Aus den Übertragungsrechten in der ganzen Welt generiertes Geld ist wichtiger als Fans im Stadion. Wir sind jedoch der festen Überzeugung, dass der Reiz und auch der Erfolg des Fußballs nicht nur aus dem Spiel selbst, sondern vor allem auch aus dem sozialen Miteinander rund um die Spiele erwachsen sind. Fußball ohne Fans ist nichts.
Wir können die Geisterspiele nicht verhindern, aber wir werden kein bisschen dazu beitragen, diesen Spielen einen positiven Rahmen zu verleihen. Wenn die Verantwortlichen Geisterspiele wollen, dann sollen sie diese auch in ihrer reinsten Form bekommen. Die Stehplätze in grau statt mit Fahnen in unseren Farben und die Stille so laut, dass es das ganze Spiel verändert. Wer Fans nur vor den Fernsehern in Kauf nimmt, damit der Rubel rollt, der wird mit den Folgen leben müssen. Es ist blanker Hohn, dass die DFL die Vereine ermuntern wollte, das Aufhängen von Bannern im Stadion zu ermöglichen. In Deutschland und auch in unserer Fanszene gibt es eine jahrzehntelange Zaunfahnenkultur. Seit jeher repräsentieren die Zaunfahnen Menschen, die hinter ihrer Fahne auf der Tribüne stehen oder sitzen und ihrem Verein die Daumen drücken und ihn unterstützen. Ein Banner im leeren Stadion ohne die zugehörigen Menschen dahinter verfehlt daher seinen Sinn und ist für uns kein Zeichen einer lebendigen Fankultur.
Ferner begrüßen wir, dass sich unser Verein zur Fankultur bekennt und in verschiedenen Gesprächen zugesichert hat, auf sämtliche Simulation von Fankultur zu verzichten. Das beinhaltet auch mögliche „Geisterchoreografien“ von Marketingagenturen, Pappfiguren, die abwesende Fans symbolisieren sollen und vor allem eine gewisse „Fan-App“, mit der per Knopfdruck vom Sofa „applaudiert“, „gesungen“ und „gejubelt“ werden kann.
Den öffentlich kommunizierten Vorstoß der Mannschaft und des Trainerteams, zugunsten des Vereins und seinen Angestellten auf Teile des Gehalts zu verzichten, begrüßen wir ausdrücklich und wünschen uns, dass diesen Worten bald Taten folgen.
Über all das hinaus behalten wir uns vor, unseren Protest in kreativer Art und Weise weiter nach außen zu tragen. Auch und gerade dann, wenn wir selbst nicht ins Stadion gehen können. Wir sind nur nicht so blöd, dabei unsere und die Gesundheit anderer aufs Spiel zu setzen.
Das System Profifußball gehört weiter in Quarantäne.
Ans Herz legen möchten wir euch allen nochmal die Kampagne “HSVer für Hamburg”. Unterstützt andere HSVer dabei, gut durch die Krise zu kommen.
Zu guter Letzt hoffen natürlich auch wir, dass die Mannschaft die kommenden Spiele auch ohne den vielzitierten „zwölften Mann“ erfolgreich bestreitet. Gebt alles und kämpft für die Raute auf den Trikots, die ihr tragt!
Castaways (Mai 2020)

Tankstellen-Talk am 29.04.2020

Liebe HSV´er,
wir vom Team Tankstelle hoffen, dass es Euch geht und Ihr und Eure Lieben den Alltag meistern könnt. Da natürlich auch unser liebstes Hobby massiv durch die Corona-Krise beeinflusst wird, steht der nächste Tankstellen-Talk am kommenden Mittwoch, 29.04.2020 um 18:87, komplett im Zeichen dieser Krise. Die Fragen, wie es auf dem Rasen und den Rängen weitergeht hätten wir natürlich auch gerne persönlich mit unseren Gästen und dem Publikum diskutiert. Leider ist dies aus den bekannten Gründen weder in unserer Tankstelle, noch im Stadion, auf der Tribüne oder an einem anderen Ort ohne massiven Aufwand physisch möglich.
Wichtig ist für uns aber dennoch, dass wir weiterhin im Austausch bleiben und werden daher (hoffentlich einmalig) eine virtuelle Talkrunde anbieten. Hier schon vorab ein großes Dankeschön an die Talk-Kollegen der “Rautenperle” für den technischen Support und den Hamburger SV, bei dem grade in dieser Zeit die Entscheidungsträger sehr viel richtig machen.
Uns ist es trotz der Umstände dennoch wieder gelungen, Euch eine richtig gute Gästerunde anbieten zu können:
Christian Pletz: Leiter Kommunikation und Medien beim Hamburger SV.
Ole Schmieder: Fanprojekt Hamburger SV.
Marcus “Scholle” Scholz: Freier Sportjournalist aus Hamburg (und HSVer!)
Die Info über die entsprechenden Kanäle, welche Euch den Tankstellen-Talk nach Hause oder auf das Handy bringen, folgt kurzfristig.
Vielen Dank für Euer Interesse und die gelebte Solidarität in unserem HSV-Umfeld
Bleibt gesund und stabil sagt Euer Team vom Sportpub Tankstelle.

Die Fanszenen Deutschlands nehmen Stellung

Quarantäne für den Fußball – Geisterspiele sind keine Lösung!

Die Frage, wann und in welcher Form wieder Profifußball gespielt werden darf, wurde in den vergangenen Tagen und Wochen viel diskutiert. In der nach wie vor teils unübersichtlichen gesellschaftlichen Situation wurden von verschiedenen Akteuren eine Vielzahl ethischer, epidemiologischer und anderer Argumente ins Feld geführt. Im Folgenden möchten wir uns, als bundesweiter Zusammenschluss der Fanszenen und mit Blick auf die DFL-Vollversammlung, zu dem Thema äußern:

Die Wiederaufnahme des Fußballs, auch in Form von Geisterspielen, ist in der aktuellen Situation nicht vertretbar – schon gar nicht unter dem Deckmantel der gesellschaftlichen Verantwortung. Eine baldige Fortsetzung der Saison wäre blanker Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft und insbesondere all denjenigen, die sich in der Corona-Krise wirklich gesellschaftsdienlich engagieren. Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne.

Wir vertreten die klare Position, dass es keine Lex Bundesliga geben darf. Fußball hat in Deutschland eine herausgehobene Bedeutung, systemrelevant ist er jedoch ganz sicher nicht. Beschränkungen, die für vergleichbare Bereiche der Sport- und Unterhaltungsindustrie gelten, müssen auch im Fußball Anwendung finden. In einer Zeit, in der wir alle sehr massive Einschränkungen unserer Grundrechte im Sinne des Gemeinwohls hinnehmen, ist an einen Spielbetrieb der Bundesligen nicht zu denken. Wenn seit Wochen über einen Mangel an Kapazitäten bei CoVid-19-Tests berichtet wird, ist die Idee, Fußballspieler in einer extrem hohen Taktung auf das Virus zu untersuchen, schlicht absurd. Ganz zu schweigen von der Praxis eines Fußballspiels mit Zweikämpfen, eines normalen Trainingsbetriebes in Zeiten von Versammlungsverboten und eines gemeinsamen Verfolgens potenzieller Geisterspiele durch Fans.

Die Rede von gesellschaftlicher Verantwortung und Pläne für exklusive Testkontingente (über 20.000 Stück) für den Profifußball passen nicht zusammen. Wir verstehen, dass Vereinsfunktionäre durchaus rechtliche Verpflichtungen haben, im Sinne des finanziellen Wohls ihres Vereins zu handeln. In einer Situation jedoch, in der die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft vor enormen Herausforderungen stehen, ist es für uns nicht nachvollziehbar, dass offenbar sämtliche Bedenken hintenangestellt werden, wenn es darum geht, den Spielbetrieb möglichst lange aufrechtzuerhalten, bzw. erneut zu starten.

Ganz offensichtlich hat der Profifußball viel tieferliegende Probleme. Ein System, in das in den letzten Jahren Geldsummen jenseits der Vorstellungskraft vieler Menschen geflossen sind, steht innerhalb eines Monats vor dem Kollaps. Der Erhalt der Strukturen ist vollkommen vom Fluss der Fernsehgelder abhängig, die Vereine existieren nur noch in totaler Abhängigkeit von den Rechteinhabern.

Die Frage, weshalb es trotz aller Millionen keinerlei Nachhaltigkeit im Profifußball zu geben scheint, wie die Strukturen und Vereine in Zukunft robuster und krisensicherer gemacht werden können, wurde zumindest öffentlich noch von keinem Funktionär gestellt. Das einzig kommunizierte Ziel ist ein möglichst schnelles ,,Weiter so!‘‘, das jedoch lediglich einer überschaubaren Zahl an Beteiligten weiterhin überragende Einkünfte garantiert. Das Gerede von zigtausenden Jobs halten wir schlicht in den meisten Fällen für einen Vorwand, weiterhin exorbitante Millioneneinkünfte für wenige extreme Profiteure zu sichern. Dies zeigt sich auch in der absoluten Untätigkeit des DFB, im Hinblick auf den Fußball unterhalb der 2. Bundesliga. Dass Geisterspiele hier viel stärkere Folgen hätten, als in den Ligen der DFL, wird ausgeblendet. Hauptsache das „Premiumprodukt“ kann weiterexistieren. Hier wird der DFB seiner Rolle nicht nur nicht gerecht, er zeigt auch wiederholt, wessen Interessen er vertritt.

Seit Jahren fordern Fans Reformen für eine gerechtere Verteilung der TV-Einnahmen und kritisieren die mangelnde Solidarität zwischen großen und kleinen Vereinen. Wir weisen auf Finanzexzesse, mangelnde Rücklagenbildung und die teils erpresserische Rolle von Spielerberatern hin. Die Gefahr der Abhängigkeit von einzelnen großen Geldgebern haben wir anhand von Beispielen wie 1860 München, Carl Zeiss Jena und anderen immer wieder aufgezeigt.

Spätestens jetzt ist es aller höchste Zeit, dass sich Fußballfunktionäre ernsthaft mit diesen Punkten auseinandersetzen. Die jetzige Herausforderung ist auch eine Chance: Die Verbände sollten diese Krise als solche begreifen und die Strukturen des modernen Fußballs grundlegend verändern. Es ist höchste Zeit!

In diesem Zusammenhang fordern wir:

-Der aktuelle Plan der DFL, den Spielbetrieb im Mai in Form von Geisterspielen wieder aufzunehmen, darf nicht umgesetzt werden. Wir maßen uns nicht an, zu entscheiden, ab wann der Ball wieder rollen darf. In einer Situation, in der sich der Fußball auf diese Weise so dermaßen vom Rest der Gesellschaft entkoppeln würde, darf es jedoch nicht passieren.

-Eine sachliche Auseinandersetzung mit der aktuellen Lage muss forciert und eine Abkehr vom blinden Retten der TV-Gelder vollzogen werden. Auch ein möglicher Abbruch der Saison darf kein Tabu sein, wenn die gesellschaftlichen Umstände es nicht anders zulassen. In diesem Fall sollten nicht nur Horrorszenarien in Form von drohenden Insolvenzen skizziert werden, sondern Lösungsmöglichkeiten in Form von Förderdarlehen, erweiterten Insolvenzfristen und anderen Kriseninstrumenten, denen sich auch die restliche Wirtschaft stellt, diskutiert werden.

-Eine kommende Lösung muss maximal solidarisch sein. Es darf unter den Vereinen keine Krisengewinner – und verlierer geben. Die Schere zwischen ,,groß‘‘ und ,,klein‘‘ darf nicht noch weiter auseinandergehen. Ausdrücklich schließen wir damit auch die Vereine der dritten Liga und der Regionalligen mit ein, für die Geisterspiele ohnehin keine Option sind.

-Die Diskussion über grundlegende Reformen, um den Profifußball nachhaltiger und wirtschaftlich krisensicherer zu gestalten, muss jetzt beginnen. Sie darf nicht nur von Fans und Journalisten geführt werden, sondern ist die zentrale Aufgabe der Verantwortlichen der Clubs und Verbände. Strukturen und Vereine müssen auf einen finanziell und ideell sicheren Boden zurückgeholt werden. Dabei muss die 50+1-Regel weiterhin unberührt bleiben.

Die Phase einer von der restlichen Gesellschaft komplett entkoppelten Fußballwelt muss ein Ende haben!

Fanszenen Deutschlands im April 2020